6. Die Geschichte des Raumes

Der dreidimensionale Raum ist ein Produkt der Neuzeit. Die ersten dreidimensionalen Bilder entstanden in Italien zu Beginn des 14. Jahrhunderts (erstmals bei Giotto de Bondone, zu besichtigen im Freskenzyklus in der Oberkirche der Basilika von San Francesco in Assisi). Giottos Bilder sind realistische Bilder. Er ist der erste Künstler, der Bilder richtig malt, weil er sie perspektivisch - räumlich malt. Bei ihm gibt es (erstmals!) einen einheitlichen Raum für das gesamte Bild. Alles strebt einem Fluchtpunkt zu. Giottos Bilder sind räumlich konstruierte Bilder. Alles wird einem Raum-Konzept unterworfen. Alles ist Raum und alles, was es zu sehen gibt, ist räumlich geordnet und räumlich gegliedert.

Giotto löst in der Malerei das Verbindende im Raum auf. Die Figuren lösen sich vom Hintergrund, der leere Raum entsteht. Die Menschen, die Giotto malt, bekommen individualistische Züge. Sie sind getrennte Individuen, losgelöst von anderen Personen, losgelöst von Raum (Giotto war auch der erste, der individuelle Portraits malte). Giotto war ein Künstler, ein Avantgardist. Er experimentiert mit einer neuen Art des Malens, indem er mit einer neuen Art des SEHENS experimentiert. Giotto sieht die Welt mit den Augen der Neuzeit. Er malt die Welt auf eine Weise, wie sie uns verständlich ist. Giottos Bilder sind ein Ausdruck eines neuen Raum-Empfindens, das in einen langen zeitlichen Prozeß nach und nach die Menschen ergreift und schließlich die kulturell dominante Art des Sehens wurde. Dieser Prozeß kann in einigen Aspekten an der Geschichte der Perspektive in der Malerei nachvollzogen werden. (Sie reicht von Beginn des 14. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo die Kubisten schließlich das perspektivische Malen aufgaben und mit einer neuen Art des Sehens experimentierten). Giottos revolutionäre Kunstauffassung ist bereits zur Mitte des 14. Jahrhunderts in ganz Europa zu finden. 70 Jahre später (um 1420) demonstriert Brunelleschi in einem berühmten Experiment am Dom zu Florenz die Überlegenheit des zentralperspektivischen Zeichnens: er malt ein Bild, das den Zeitgenossen als exaktes Abbild dessen verstehen, was sie wirklich sehen. Ein Jahrzehnt später sind die Künstler erstmals in der Lage, über die Zentralperspektive theoretisch zu reflektieren (Cennini und Alberti in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts). Der Höhepunkt des perspektivischen Malens findet sich bei Leonardo da Vinci (1452-1519). Er erfindet die Luftperspektive, bei der die räumliche Tiefe durch rein malerische Mittel (wie der Abstufung von Farben und von Schatten) erreicht wird. Leonardo kann sich bereits auf die Erfahrung berufen: Die Perspektive ist ein Beweisgrund, wobei die Erfahrung bestätigt, daß alle Dinge ihre Bilder in Pyramidenlinien zum Auge senden. Eine Generation nach ihm sind die Menschen überzeugt, daß die unperspektivische Darstellung falsch ist (Pietro Avetino). Im 16. Jahrhundert schließlich wird der Raum zum beherrschenden Thema der Zeit. Ein Raumrausch überfällt die Menschen (Jean Gebser). Überall werden neue Räume entdeckt: der heliozentrische Raum (mit der Sonne als Mittelpunkt) durch Kopernikus, der Körper-Raum durch Versalius (den ersten großen Anatom), der Blutkreislauf im Körper durch Harvey. Kepler schließlich sprengt das unperspektivische, kreis-und flächenhafte Weltbild, indem er statt den Kreisbewegungen der Planeten ihre Ellipsenbahn nachweist (Jean Gebser). Alles wird zum Raum und die Welt wird als räumliche Welt definiert.

Genau diesen Gedanken hat René Descartes in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert in das Zentrum seiner Philosophie gestellt. Descartes ist der eigentliche Begründer des mechanistischen Welt-Bildes, der großen Denk-Konstruktion der Neuzeit, dem großen kulturellen Belief der Neuzeit. Descartes unterteilt die Welt in zwei Teile: in die Res Cogitans (das denkende Ding, die Seele, das Bewußtsein, Gott) und in die Res Extensa (das räumlich ausgedehnte Ding, die Materie). Die meßbare Realität, die Materie wird jetzt als Raum definiert. Realität ist Raum und alles, was räumlich meßbar ist, ist real, ist wirklich. Newton erfindet ein halbes Jahrhundert später den absoluten Raum, einen Raum, der unabhängig von materiellen Dingen existiert. Mit Newton wird das Bild von der Maschine das dominante Bild der abendländischen Kultur. Himmel und Erde verschmelzen zu einem einheitlichen Ganzen. Überall gibt es den meßbaren Raum und ein und dasselbe Gesetz (das Gravitationsgesetz) gilt für Himmel und Erde. Im Übergang zum 19. Jahrhundert schließlich wird Gott aus dem Welt-Bild entfernt. Die große Maschine der Welt existiert jetzt ohne einen göttlichen Uhrmacher, als reine Materie für sich.


7. Das abstrakte Sehen

In diesem langen geschichtlichen Prozeß haben sich die Wahrnehmungs-Gewohnheiten der Menschen langsam verändert. Das Mittelalter war mehr eine Einheit der Sinne, die Wahrnehmung war mehr synästhetischer Natur. Das Mittelalter war eine Fühl- und Hör-Kultur. Die Menschen praktizierten ein sinnlich-fühlendes Sehen, bei dem die Gefühle beim Sehen eine große Rolle spielten. In der Neuzeit wird der Wahrnehmungs-Vorgang in einzelne Sinnes-Elemente zerlegt, die ein Eigenleben bekommen Die Neuzeit ist eine Seh-Kultur. Das Sehen spaltet sich von anderen Sinnen ab und dominiert die anderen Sinne: das Auge herrscht, das Ohr ge-horcht (Jakob Grimm). Das Auge wird isoliert (Kleinspehn) und das Sehen wird zum abstrakten Sehen, bei dem die Gefühle beim Sehen unwichtig werden. Das abstrakte Sehen ist das richtige Sehen. Es hat mit der Außen-Welt zu tun, der eigentlichen Realität. Hier können wahre und objektive Bilder gewonnen werden. Das Fühlen hingegen wird der Innen-Welt zugeordnet, einer sekundären und weniger wichtigen Realität, wo nur subjektive Bilder zu finden sind. Das Sehen wird in der Neuzeit so dominant, daß die Menschen glauben, der Sitz des Bewußtseins befinde sich zwischen den Augen, - gleichsam eine kleine Person, die getrennt von der Welt, auf die Welt da draußen wie auf eine Bühne blickt. In anderen Kulturen wird der Sitz des Bewußtseins gefühlsmäßig anderen Körper-Regionen zugeordnet (z.B. dem Hsien der Chinesen in der Mitte des Brustbeins oder dem Hara im Unterbauch).

Das abstrakte Sehen ist ein begriffliches Sehen von Objekten. Wenn Menschen heute ein Objekt (z.B. ein Haus oder eine Blume) oder eine Person zeichnen, so zeichnen sie nicht das, was sie wirklich sehen, sondern ein Symbol, einen begrifflichen Code (z.B. ein Strich-Männchen für eine Person). Zeichnungen dieser Art geben das innere Bild wieder, den begrifflichen Gedanken (visuell repräsentiert), der das Sehen selbst überlagert und es zum abstrakten Sehen werden läßt. Das abstrakte Sehen ist ein Sehen, das auf äußere Objekte, auf isolierte Einzel-Dinge spezialisiert ist. Sehen ist suchen (Hans-Joachim Berendt). Der Blick wird scharf (Georg Pennington) und im scharfen Fokus, der Scharfeinstellung im Nahbereich bekommen die Dinge ein Eigenleben. Der Blick wird zum flüchtigen Blick (Kleinspehn). Das Auge huscht von einem Objekt zum anderen. Das Auge sucht andauernd Objekte (das eigentlich Reale) und indem es sie andauernd sucht, flieht es andauernd vor Objekten. Das isolierte Auge da drinnen sucht die Nähe zu den Objekten da draußen, die von ihm radikal getrennt sind. Das abstrakte Sehen ist ein distanziertes Sehen, ein Sehen aus einer perspektiven Distanz auf die Welt da draußen. Das distanzierte Sehen ist ein ichhaftes Sehen. In dieser Art des Sehen wird das Ich und die Dinge gleichzeitig konstruiert (Auge, Ego und Ich haben die gleiche Sprachwurzel).


8. Das Spiel der Bilder

Die Geschichte der großen kulturellen Beliefs und der Wahrnehmungs-Prozesse unserer Kultur ist für die heutige Zeit bedeutsam. Wir leben in einer Übergangs-Zeit, wo sich die allgemein akzeptierten Beliefs über die harte Realität langsam verändern und wo sich gleichzeitig (unbewußt und den meisten Menschen verborgen) die Wahrnehmung der Menschen im Alltag auf unmerkliche und dennoch bedeutsame Art verlagert. Wer NLP praktiziert, ist ein aktiver Teil in diesem Veränderungs-Prozeß, auch wenn er/sie selbst über diesen Prozeß nicht nachdenken will oder nicht nachdenken kann.

Im 20. Jahrhundert stehen wir vor einer eigenartigen Situation. Das offizielle Welt-Bild (das mechanistische Welt-Bild) wurde von den Wissenschaften selbst grundlegend zerstört und es gibt keine Chance, es wiederherzustellen. Die Wissenschaften heute haben das naive Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts verlassen. Alle Grund-Begriffe der Naturwissenschaften stehen zur Disposition. Wir wissen nicht, was ein Ding, was Raum und Zeit sind, was das Bewußtsein ist, was das Ich ausmacht, ob wir wirklich von dem da draußen getrennt sind oder nicht. Die Wissenschaften heute haben alle Substanz-Aussagen, der Realitäts-Begriff und dem Wahrheits-Begriff aufgegeben. Die Grundlagen des wissenschaftlichen Denkens haben sich in Paradoxa, in geheimnisvolle Rätsel aufgelöst. Die großen kulturellen Beliefs der Neuzeit haben ihren Wahrheits-Gehalt verloren. Sie sind nur Beliefs, Konstrukte und niemand kann ihnen jene Bedeutung wiedergeben, die sie vom 17. bis zum Beginn unseres Jahrhundert hatten.

Dies bedeutet jedoch nicht, daß das mechanistische Welt-Bild heute keine Wirkung mehr ausübt. Das Gegenteil ist der Fall. Viele Wissenschaften (und viele Wissenschaftler) weigern sich, die radikale Zerstörung ihrer Denk-Grundlagen zur Kenntnis zu nehmen und darauf zu reagieren. Die Erklärung dafür ist einfach: sie können der radikalen Kritik am (natur)wissenschaftlichen Denken keine Bedeutung geben, weil ihre Wahrnehmungs-Prozesse im Alltag genau jenes Welt-Bild bestätigen. Sie haben keine Erfahrung und keine Praxis in Wahrnehmungs-Prozessen, die dem mechanistischen Welt-Bild widersprechen. Es kann zwar kognitiv-intellektuell kritisiert werden, aber damit ist es im Alltag nicht aufgehoben, weil jeder Akt der Wahrnehmung - auf unbewußte - Weise das Welt-Bild rekonstruiert. Dies ist die eigentliche Macht des Welt-Bildes und diese Macht übt es - auf unbewußte und gleichsam automatische Weise - auf die meisten Menschen unserer Kultur immer noch aus. Die intellektuelle Zerstörung dieses Bildes wird solange ohne Wirkung bleiben, solange sie nicht gelernt haben, ihre Wahrnehmung neu zu erleben, und diesen neuen Erfahrungen Bedeutung zu geben.

Genau dieser Prozeß läuft heute vor unseren Augen ab. Eine Minderheit in der Gesellschaft übt sich langsam und schrittweise darin ein, ihre Wahrnehmung im Alltag zu verändern und neue Realitäts-Bilder gemeinsam zu erkunden und ihnen Bedeutung zu geben. NLP ist Teil dieses Prozesses. In NLP experimentieren wir auch mit den Grund-Konzepten des mechanistischen Welt-Bildes: mit Raum, mit Zeit, mit Dingen, mit unserem Körper, mit dem Ich. Wir studieren die Unterschiede in unserem Raum-Erleben in Problem- oder in Ressourcen-Zuständen. Die Time-Line-Konzepte erlauben eine Veränderung des Erlebens von Zeit. Manche Richtungen im NLP arbeiten mit der Symbolik von Dingen, z.B. für die Ziel-Arbeit. NLP ist auch das Studium der Wechselwirkung von Körper und Geist (z.B. Symptom-Reframing für Krankheiten). Das Ich selbst (für Descartes ein denkendes Ding) löst sich in Einzel-Ichs (das Konzept der Teile) auf. Das Ich verliert seine naturwissenschaftlichen Aspekte. Es wird kontext- und situationsbezogen (z.B. unser Alters-Erleben, wie alt wir uns fühlen, in bestimmten Kontexten) und plastisch und verformbar. In NLP üben wir, alle Basis-Begriffe des mechanistischen Welt-Bildes langsam zu verändern und mit ihnen zu spielen. Das Wissen darüber, daß dieses Welt-Bild überholt ist, kann diesen Prozeß erleichtern und zusätzlich Denk-Freiheit ermöglichen.

In diesem Prozeß kommen werden gewisse Aspekte des mittelalterlichen Denkens auf neue Weise interessant: das Symbolhafte von Dingen und Ereignissen, den inneren Wert von allem, den Wert der Natur, eine Vorstellung von der Seele und ihrer Entwicklung. Gleichzeitig kehren auch mittelalterliche Welt-Bilder wider, wie in der Esoterik. Dieser Prozeß birgt eine große Chance und viele Gefahren. Die Gefahren entstehen aus allen Ideen, die (wie in vielen esoterischen Ansätzen) sich als wahre und wirklichen Bilder der Realität präsentieren. Die große Chance liegt darin, den Belief-Gedanken ernst zu nehmen und richtige Beliefs über Beliefs zu entwickeln. Es geht nicht darum, das alte Welt-Bild durch ein neues zu ersetzen. Es geht darum zu lernen, was Beliefs und Welt-Bilder mit uns machen, wie sie unsere Wahrnehmungen und unser Denken gestalten. In diesem Lern-Prozeß üben wir eine Meta-Ebene: eine Ebene über und außerhalb von Beliefs, wo die Wirkungsweise und die Änderung von Beliefs studiert wird. Die Suche nach einem neuen Welt-Bild ist ein Denk-Irrtum. Wir brauchen kein neues Welt-Bild, sondern das Wissen und die Praxis, mit Welt-Bildern zu experimentieren und mit ihnen zu spielen. Der Belief-Gedanke ist ein tiefer Gedanke. Es geht nicht darum ein Belief durch ein anderes zu ersetzen (und daran zu glauben), sondern mit Beliefs zu spielen. Es geht um das Spielen mit Bildern, um das Spiel der Bilder.

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Copyright Walter Ötsch 1996