
Für O´Connor und Seymour sind Beliefs Einstellungen: "Leitprinzipien,
unsere inneren Landkarten, die wir benutzen, um der Welt Sinn
zu verleihen" (1996 (1990), 138). "Glaubenssätze beinhalten die "Generalisierungen", die wir
über die Welt machen, sowie unsere Arbeits- und Verhaltenssprinzipien
" (352). Beliefs sind nach Dilts "Überzeugungen über uns selbst und
darüber, was in der Welt um uns herum möglich ist." (1993 (1990), 11). Glaubenssätze sind
"Verallgemeinerungen (Generalisierungen) über die "Beziehungen zwischen Erfahrungen"
(35). "Glaubenssätze sind Verallgemeinerungen über
(a) Zusammenhänge,
(b) Bedeutung,
(c) Grenzen,
und zwar hinsichtlich:
(1) der Welt um uns herum,
(2) spezieller Verhaltensweisen,
(3) Fähigkeiten,
(4) unserer Identität" (Dilts und Epstein 1992b, 21).
In einer
konstruktivistischen Interpretation von NLP könnte man Beliefs (sehr weit) als alle
Überzeugungen definieren, denen wir einen Wahrheits-Charakter
zuschreiben.
Beliefs können auch als Regeln verstanden werden.
Regeln kann man in (1) präskriptive und (2) deskriptive Regeln
unterteilen (Jochims 1995, 185ff.):
(1) Präskriptive Regeln sind Regeln, die ein
Verhalten vorschreiben, was in einem besonderen
Kontext erlaubt ist und was nicht. Präskriptive Regeln sind Normen, Werturteile,
soziale Regeln, "Beliefs über Grenzen". Sie sind rational nicht
begründbar und werden meist nonverbal vermittelt. Präskriptive
Regeln wurden von einer Autorität formuliert und sind oft mit
intensiven Gefühlen verbunden.
(2) Deskriptive Regeln sind Beliefs über den Zusammenhang von
Ereignissen, Glaubenssätze über die Beziehung zwischen Ereignissen.
Deskriptive Beliefs äußern sich in der Regel als
Meta-Modell-Verletzungen, wie "komplexe Äquivalenz" und "Ursache-Wirkung".
Dilts beschreibt zwei Hauptformen deskriptiver Beliefs (1993 (1990), 35ff.; Jochims 1995, 165ff.):
(1) Verallgemeinerungen über kausale Beziehungen ("A verursacht
B"), und (2) Verallgemeinerungen über Bedeutungs-Beziehungen ("A
bedeutet B").
(1) Ursache-Wirkungs-Beliefs suggerieren, daß das das Auftreten
von A das Auftreten von B bewirkt: "Häufiges Bildschirm-Schauen verursacht Glücks-Gefühle". "Dieses Wörterbuch macht Sie klug." Kausale Beliefs suggerieren einen Zwang: es muß so sein. Kausale
Interpretationen sind für
innere Zustände und soziale Beziehungen fast immer inadäquat. Für unerwünschte
innere Zustände bedeuten sie eine Einschränkung der Wahl-Freiheit:
"Du machst mich traurig". Beliefs dieser Art torpedieren den Gedanken
der
Selbst-Steuerung: innere Zustände erscheinen als von außen determiniert. Im sozialen
Bereich aktivieren kausale Beliefs Macht-Illusionen und schreiben
Opfer-Täter-Rollen fest.
(2) Bedeutungs-Beziehungen verbinden Beschreibungen mit Schlußfolgerungen:
"Wenn Sie das verstehen" (eine Beschreibung A), "dann bedeutet das, daß Sie O.K. sind" (eine Schlußfolgerung B). Die Suggestion hier ist: wenn die
Beschreibung A wahr ist, dann ist auch der daraus gezogene Schluß
B wahr.
Beliefs dieser Art beruhen nach Inke Jochims auf zwei Irrtümern
(1995, 169):
(a) aus einer Beschreibung kann man nicht zwingend eine Schlußfolgerung
ziehen ("Weil Du mich so ansiehst, hast Du mich nicht lieb!"),
(b) Beschreibungen (Sinnes-Eindrücke) und Schlußfolgerung (Interpretationen)
werden gleichgesetzt, obwohl sie anderen
logischen Ebenen angehören.
Im NLP heute wird die Wichtigkeit von Beliefs für menschliches
Handeln betont. Beliefs fungieren als machtvolle
Wahrnehmungs-Filter, die die ungeheure Fülle an Informationen aus der Außen-Welt
sinnvoll ordnen. Ohne Beliefs, ohne soziale Regeln, ohne Vorstellungen
über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge wären wir nicht in der Lage,
die Welt sinnvoll wahrzunehmen und ihr Bedeutung zu geben. Beliefs
strukturieren das menschliche
Bewußtsein auf grundlegende Weise. NLP geht von einer engen Wechselwirkung
von Beliefs und Wahrnehmung, sowie von Beliefs und Verhalten aus.
NLP als Theorie subjektiver Erfahrungen ist das Studium dieser
Wechselwirkungen, bei sich und bei anderen.
Die Arbeit mit Glaubenssätzen bedeutet einen Perspektivenwechsel im NLP, - eine dritte Phase in seiner Entwicklung (Jochims 1995, 10f.):
(1) In der Anfangsphase (ca. 1974 - 1978) wurden die Prinzipien
formuliert und wichtige Modelle, wie das
Reframing, entworfen.
(2) Zwischen 1978 und etwa 1985 hat sich die NLP-Arbeit vor allem
darauf konzentriert, Techniken für die Behandlung von Symptomen
zu entwickeln.
(3) in der dritten Phase (ungefähr ab 1985) richtet sich der
Fokus der Aufmerksamkeit auf die Frage, was Glaubenssätze sind
und wie sie Verhalten steuern. Jetzt geht es "primär darum, den
einschränkenden Glaubenssatz zu verändern. Erst dann kann ein
neues, dem Weltbild angemessenes Kommunikationsverhalten gelernt
werden. Die Lernbarkeit von Kommunikation wird also nicht grundsätzlich
bestritten, wohl aber neu gesehen." (Jochims 1995, 11).
Die Arbeit mit Beliefs wirft die Frage nach der "Identifikation"
von Beliefs auf. Beliefs sind keine "Objekte" und Beliefs sind
keine eindeutig beschreibbare "Symptome" (Jochims 1995, 11ff.). Für die Erkundung von Beliefs dienen im NLP vor allem
Warum-Fragen und das
Meta-Modell der Sprache: Meta-Modell-Verletzungen verweisen oft auf Glaubenssätze.
Viele einschränkende Beliefs sind unbewußte
Vorannahmen.
Übungsanleitung für das Studium begrenzender Beliefs
Beim Versuch, sie bewußt zu machen, können nach Dilts u.a. folgende
Phänomene auftreten (1993 (1990), 82ff.):
(1) Der Klient (die Klientin) gerät in eine "Nebel-Wand" und
wird verwirrt. Dilts empfiehlt hier, den Fokus der Aufmerksamkeit
bewußt auf den "Nebel" zu richten: im oder hinter dem "Nebel"
wird oft das gewünschte Belief sichtbar. (Der "Nebel" ist eine
"negative Halluzination", vgl. Wolinski 1993 (1991), 43ff.).
(2) Der Klient (die Klientin) legt eine falsche Spur (einen "roten
Hering"). Dilts empfiehlt hier, auf
Inkongruenzen im Ausdruck zu achten.
(3) Der Klient (die Klientin) präsentiert Theorien und Hypothesen,
die der Therapeut (die Therapeutin) - bewußt oder unbewußt - suggeriert.
Auch hier soll exakt auf minimale
Zugangs-Hinweise geachtet werden.
Beliefs entstehen nach Gundl Kutschera (1995a (1994), 247ff.):
(1) in intensiv empfundenen Situationen,
(2) durch kognitives Wissen,
(3) durch Ergebnisse, die wir in der Vergangenheit erzielt haben,
(4) indem wir klare Ziele setzen.
0´Connor und Seymour beschreiben die Herkunft von Beliefs so:
"Glaubenssätze und Einstellungen entspringen vielen Quellen -
aus Erziehung,
Modellieren von bedeutsamen anderen Menschen, Vergangenheitstraumen und wiederholten
Erfahrungen. Wir entwickeln Glaubenssätze dadurch, daß wir unsere
Erfahrungen mit der Welt und mit unseren Mitmenschen generalisieren,
das heißt,
Verallgemeinerungen ableiten. Woher wissen wir, aus welchen Erfahrungen wir generalisieren
sollen? Einige Einstellungen kommen fertig aus der Kultur und
der Umgebung, in die wir hineingeboren werden. Die Erwartungen
der bedeutsamen Menschen, die in unserer Kindheit um uns sind,
prägen uns Glaubenseinstellungen ein. Hohe Erwartungen (vorausgesetzt,
sie sind realistisch) bilden Kompetenz. Niedrige Erwartungen flößen
Inkompetenz ein. Wenn wir noch jung sind, glauben wir, was uns
gesagt wird, denn wir haben keine Möglichkeit, es zu überprüfen.
Diese Glaubenssätze können überdauern, ohne durch unsere späteren
Leistungen modifiziert zu werden." (1996 (1990), 138).
NLP konzentriert sich nicht auf die "Wahrheit" oder "Falschheit"
von Beliefs, sondern auf ihre Wirkung (Major 1996), - die sie insbesondere auf
Ziele,
Kriterien und
Werte ausüben. Beliefs können Ziele fördern und Beliefs können Ziele
verhindern: welche Auswirkungen hat es, wenn ich überzeugt bin,
erfolglos zu sein, welche, wenn ich überzeugt bin, erfolgreich
zu sein?
NLP hat die Idee der bewußten Setzung von fördernden Beliefs
(und des Studiums ihrer Wirkungen) auf sich selbst angewandt und
einen Katalog von fördernden
Grundannahmen des NLP erstellt, mit dem sich alle, die ernsthaft NLP betreiben,
auseinandersetzen (und auseinanderzusetzen haben).
Beliefs gelten als eine der
logischen Ebenen des NLP. In der Deutung von Robert Dilts reguliert die Ebene
der Beliefs die "untergeordneten" Ebenen der
Fähigkeiten und des
Verhaltens. (Eine Kritik an dieser Deutung findet sich beim Stichwort
Logische Ebenen). Auch die "übergeordneten" Ebenen der
Identität und der
Zugehörigkeit können als Beliefs definiert werden. Auf der Ebene der
personalen Identität sind alle Vorstellungen über uns selbst enthalten, unsere Selbst-Bilder,
unsere Beliefs über uns, was wir glauben, wer wir wirklich sind.
Die Ebene der Zugehörigkeit beinhaltet alle Überzeugungen über
etwas, was mehr als unsere Individualität, unsere Person ist.
NLP kennt viele Methoden, um Beliefs zu erkunden und zu verändern.
Beliefs können im Gespräch bewußtgemacht und verändert werden.
Dazu sind u.a. das Modell der
Repräsentations-Systeme, die Fragen des
Meta-Modells sowie Methoden des
Reframings, insbesondere des
Punch-Reframings (Sleight-of-Mouth-Patterns), geeignet.
Umfangreiche Anleitung zum Studium der langfristigen Wirkungen von Beliefs Viele
Änderungs-Techniken des NLP sind geeignet, unerwünschte Beliefs in einer Richtung,
die mehr den eigenen Zielen entspricht, zu verändern.
Mit Hilfe der
Neuprägung ist es oft möglich, auch tiefsitzende (und in Vergessenheit geratene)
Beliefs aus der Kindheit bewußt zu machen und nachhaltig zu verändern.
In der
Imperativen Selbst-Analyse geht es um die Erkundung (und Änderung) von Kern-Beliefs.
Im NLP gibt es ein eigenes Set von Interventionen, die "Belief-Änderungen" genannt werden. Dabei geht es darum, die innere Vorstellung, die mit einem hinderlichen Belief verbunden ist, zu erkunden und zu verändern.
Zwei bekannte Beispiele von Belief-Veränderungen:
(1) durch direkte Veränderungen von
Untereigenschaften Dabei werden
dissoziiert repräsentiert) mit den Untereigenschaften eines fördernden Beliefs verglichen,
(
Anleitung 1, Walter Ötsch,
Anleitung 2, Gundl Kutschera)
(2) mit Hilfe von
Boden-Ankern, z.B.
(a) mit vier inneren Orten IK ("innere Kraft", AG ("absolute Gewisßheit"), KM "kann sein / muss nicht sein") und AB ("altes Belief"). Dabei werden
(b) mit Hilfe einer
Boden-Zeit-Linie (
Anleitung dazu
(eine Variante: Belief Change Cycle,
Anleitung dazu)
Untereigenschaften (
Anleitung 1 dazu), der Auflösung und Neukonstruktion von
Synästhesien, sowie der Belief-Änderungen mit Hilfe von
Boden-Ankern (
Anleitung dazu) bzw. der
Boden-Zeit-Linie (
Übung dazu) .
NLP ist in meinem Verständnis (W.Ö.) praktizierter
Konstruktivismus. In dieser Interpretation kommt dem Belief-Gedanken zentrale
Bedeutung zu: alles, woran wir glauben, alles, was für uns existiert,
alles, was wir für wahr halten, jede Art von Bedeutungs-Gebung
folgt nicht zwingend aus den Umständen, aus der Umwelt, sondern
wird innerlich konstruiert, ist ein Konstrukt.
Im englischen Wort BeLIEf ist LIE, die Lüge, enthalten.
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BeLIEfs sind keine Lügen im wörtlichen Sinn, aber sie sind immer nur mögliche Deutungen, die auch anders sein könnten.
Im deutschen Wort ÜBER-Zeugung ist ein anderes Wort-Spiel enthalten.

ÜBER verweist auf eine
Meta-Ebene: dem, was ist, wird noch eine Ebene hinzugefügt, die Ebene der
Deutungen, der Interpretationen. Zeugung ist ein sehr machtvolles
Wort. So wie Vater und Mutter ein Kind zeugen, so zeugen wir mit
unseren ÜBER-Zeugungen die Realität, in der wir leben.
Die prinzipielle Aussage des Konstruktivismus (alles ist konstruiert.
Wir verfügen über kein "objektives" Kriterium für die "Wahrheit"
von Konstrukten) stößt in der
Änderungs-Arbeit des NLP an eine praktische Grenze: Beliefs, die Menschen nicht
bewußt sind, können nicht als Beliefs (als Konstrukte) erkannt
und verändert werden. Viele Menschen kennen die Beliefs nicht,
die ihr Leben auf eine grundlegende Weise regeln. Die machtvollsten
Beliefs sind unbekannte
Vorannahmen, die auf einer unbewußten Ebene wirken.
Das Ziel der
Selbststeuerungs-Techniken des NLP könnte (in meinem Verständnis) sein: die schrittweise
Entdeckung hinderlicher Vorannahmen, ihre Überprüfung, ihre Veränderung,
die Konstruktion neuer Vorannahmen und ihre Integration ins Leben.
Der Belief-Gedanke des NLP (das ist mein Belief) ist ein tiefer
Gedanke. Er beinhaltet ein lebenslanges Lern-Programm, bei dem
Menschen immer mehr Bewußtheit darüber erlangen, in welcher Weise
sie ihr Leben, seine Sonnen- und Schatten-Seiten, seine Erfolge
und Dramen, durch ihre Beliefs gestalten.
Den Belief-Gedanken als kognitiven Gedanken zu "verstehen", - und versuchen, ihn in sein Leben zu integrieren, sind zwei Paar Schuhe. Im NLP ist viel von Beliefs die Rede. Inhaltlich sind dabei oft nur die Beliefs anderer Menschen, nicht jedoch die eigenen Beliefs gemeint. Den Belief-Gedanken auf sich selbst anzuwenden (oder versuchen, es zu tun oder sich darum zu bemühen), liegt auf einer anderen Ebene.
Wie können wir diesen Prozeß beschleunigen?
Was würde es bedeuten, den Belief-Gedanken auf den Belief-Gedanken
anzuwenden?
Ein Märchen zum Belief-Gedanken