(1) Die erste Position ist das Erleben aus der eigenen Perspektive,
mit eigenen
Beliefs und
Vorannahmen. Man sieht hier die äußere Welt durch die eigenen Augen (Dilts und Epstein 1992a, 5). In der ersten Position ist man mit dem eigenen Standpunkt
assoziiert, - und in vielen Fällen auch mit den Gefühlen (manche Menschen
können allerdings schwer mit ihren Gefühlen in Kontakt treten).
In der ersten Position ist die Wahrnehmung direkt, unmittelbar
und unvermittelt: ich sehe mit meinen Augen, höre mit meinen Ohren
und fühle meine Gefühle in dieser Situation. Es ist das ungefilterte,
eigene Erleben aus der eigenen Innen-Position, der eigene Standpunkt,
mit der Interpretation, die ganz meine ist.
(2) Die zweite Position ist die Wahrnehmung einer Situation aus
der Perspektive einer anderen Person. Ich schlüpfe "in die Schuhe"
einer anderen Person und erlebe die Welt aus der Warte dieser
Person: ich sehe mit den Augen dieser Person, höre mit ihren Ohren
und fühle aus der Perspektive des anderen. Ich stelle mir vor,
wie es wäre, die Situation als diese Person zu erleben und was
ich da wahrnehmen könnte. Die Fähigkeit zur zweiten Position ist
eine natürliche Fähigkeit. Im Klischee sind es Eltern, die "instinktiv"
die Bedürfnisse eines kleines Kindes "erraten". In der zweiten
Position imaginieren sich Menschen die Innen-Perspektive anderer
Menschen. Sie sind von ihrem eigenen Erlebnis
dissoziiert und mit dieser Person
assoziiert. Sie tun so,
als ob sie eine andere Person wären.
(3) Die dritte Position wird unterschiedlich definiert. Ich unterscheide hier (a) eine einfache und (b) eine differenzierte Variante.
(a) Die einfache Variante definiert die dritte Position als den
Standpunkt eines (einer) außenstehenden, unbeteiligten Beobachters
(Beobachterin) (vgl. O´Connor und Seymour 1996 (1990), 129ff., Werth(1994(1992), 114 f., Kutschera 1995 (1994), 95 ff.) Die dritte Position entspricht der Wahrnehmung einer außenstehenden
Person, die von außen, ohne großen Gefühle, die Situation betrachtet.
Im Klischee ist dies ein "objektiver Wissenschaftler", der von
außen ein System analysiert, dem er sich nicht zugehörig fühlt
und von dem er glaubt, daß er nicht ein Teil davon ist. Die dritte
Position ist eine
Meta-Position zu den beiden anderen Positionen. In der Distanz zur ersten und
zur zweiten Position können die Interaktionen zwischen der ersten
und der zweiten Person erkundet und
kalibrierte Schleifen in Erfahrung gebracht werden.
(b) Die differenzierte Variante definiert die dritte Position auf andere Weise und unterscheidet zudem nach Meta-Position (in anderer Definition als oben) und Beobachter-Position (Diese Version stammt von Dilts und Epstein 1992a, 5). Die dritte Position ist hier eine assoziierte Position außerhalb der Beziehung zwischen der ersten Person (erste Position) und einer anderen Person (zweite Position), wobei man mit den Gefühlen und Annahmen der ersten und der zweiten Position in Kontakt ist. In der dritten Position (so definiert) nimmt man die Beziehung zwischen sich und der anderen Person wahr, - und man nimmt dabei auch die Beliefs und die Gefühle beider Personen wahr. Es geht hier auch um die Wahrnehmung der emotionellen Relation zwischen den beiden Personen. Die dritte Position wird hier (im Gegensatz zu der ersten Definition) nicht als völlig dissoziierte Position beschrieben, weil dabei kein Kontakt mit Gefühlen möglich wäre.
Die Beobachter-Position in dieser Variante ist weitgehend mit der dritten Position aus der einfachen Variante ident. Sie ist als assoziierte Position definiert, bei der man von den Glaubenssätzen und Vorannahmen der ersten und zweiten Position abstrahiert. Die Meta-Position wird hier als dritte Position definert, bei der eine Person mit den Glaubenssätzen und Vorannahmen von einer der beiden Personen assoziiert ist.
(4) Diese Modelle können durch Schaffung beliebiger zusätzlicher
Positionen erweitert werden. Robert Dilts (1993 (1990), 200 ff.) hat den
Meta-Spiegel als vierte Position und als Meta-Position zu drei anderen Positionen
definiert. Der Meta-Spiegel dient der Erkundung des Beziehungsmusters
zwischen dritter und erster Position: die Art, wie die dritte
Person mit der ersten Person umgeht. Ardui und Wrycza (1994, 15 ff.) definieren als vierte Position eine assoziierte Position zwischen
der ersten und der zweiten Position, bei der es möglich ist, sich
mit einer Organisation, einem System oder einer Beziehung als
Ganzes zu identifizieren.
Im folgenden einige Gedanken zu der einfachen Variante (welche für die differenzierte oder eine erweiterte Variante nur bedingt Geltung haben):
Das (einfache) Modell der Wahrnehmungspositionen kann als Modell
erfolgreicher Kommunikation verstanden werden. Erfolgreiche Kommunikatoren
beherrschen die Fähigkeit, alle drei Positionen einnehmen zu können.
Sie können Kommunikations-Situationen aus drei verschiedenen Perspektiven
erfahren. Dabei geht es um eine ausgewogene Balance zwischen allen
drei Positionen. Sie können als dreifache
Polaritäten definiert werden. Menschen unterscheiden sich auch danach, in
welchen
Kontexten sie - gleichsam automatisch - welche der drei Positionen bevorrangt
einnehmen.
Im NLP wird der Wert jeder Position betont, weil es in jeder Position etwas zu erfahren gibt, was den beiden anderen Positionen verborgen ist.
(a) Der Wert der ersten Position ist die Fähigkeit, ganz
assoziiert sein zu können und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.
(b) Der Wert der zweiten Position sind soziale Fähigkeiten: den
Standpunkt und die Bedürfnisse anderer zu erkennen, zu respektieren
und für andere da zu sein.
(c) Der Wert der dritten Position ist die Fähigkeit,
dissoziiert sein zu können, sich aus dem emotionalen Sog von Situationen
befreien zu können. In der dritten Position sind Menschen fähig,
Kommunikations-Strukturen zu erkennen und zu analysieren, Muster
zu entdecken,
Strategien und
Meta-Programme in Erfahrung zu bringen.
Jede Wahrnehmungs-Position ist ein Gewinn und jede Position kann ein Hindernis sein. Kommunikations-Konflikte sind manchmal durch ein Mißverhältnis der drei Positionen gekennzeichnet.
(a) Wird die erste Position zu sehr betont, können Menschen zu
starke Selbst-Sortierer sein, unfähig zur Wahrnehmung der Welten
anderer oder unfähig, sich selbst von den eigenen Gefühlen zu
distanzieren und sich selbst aus einer Außen-Position Feedback
zu geben.
(b) Menschen, die zu sehr in der zweiten Position leben, leben
nicht ihr Leben, sondern das anderer Menschen. Dies kann mit einem
geringen Selbstwert und einer schlechten
personalen Identität verbunden sein.
(c) Ist die dritte Position zu dominant, so kann dies mit einem
mangelnden Zugang zu den eigenen Gefühlen, einem Mangel an Genuß-Fähigkeit,
an assoziiertem Erleben schöner Momente verbunden sein.
Mit NLP können Menschen lernen, verschiedene Perspektiven einzunehmen
und alle drei Positionen abwechselnd zu erleben. Das Ziel ist
Flexibilität: die Fähigkeit, eine Kommunikations-Situation
mehrfach beschreiben und erleben zu können.
(1) Ein verstärktes Erleben der ersten Position kann durch alle
Assoziierungs-Techniken trainiert werden.
(2) Die Anleitung zur zweiten Position ist (a) die Imagination
der gewünschten Person und (b) zu tun,
als ob man diese Person wäre. Manchmal ist es hilfreich, die zwei Prozeß-Schritte
bewußt zu trennen:
(a) sich diese Person dissoziiert (z.B. in zwei Meter Abstand)
vorzustellen und sich dabei auf typische Verhaltens-Merkmale,
wie Körperhaltung, Bewegung, Gesten, die Art des Redens, die Art
der Kleidung zu konzentrieren. Dabei genügen in vielen Fällen
vage Eindrücke, eine Ahnung, das könnte so oder so sein.
(b) in diesen imaginierten Körper "hineinzugehen": genau diese
Körperhaltung einzunehmen, sich genau so zu bewegen, so zu reden
oder sich das vorzustellen, usw. (Manche Personen stellen sich
vor, sie würden in den Körper "hineinschlüpfen" oder diesen Körper
"wie einen Taucher-Anzug anziehen"). Dabei kann das so erfahrene
Körper-Gefühl eigenartig sein (z.B. auch, wenn es sich um eine
Person des anderen Geschlechts handelt).
(3) Die dritte Position wird durch die
Dissoziierungs-Techniken gefördert. Weil es viele Arten der dritten Position gibt, ist
es oft hilfreich, in diese Position bewußt positive Eigenschaften
hineinzugeben: z.B. die Vorstellung von einem kompetenten Schauspiel-Direktor,
der die Performance seines Lieblings-Schauspielers begutachtet,
oder eine sachkundige Regisseurin, ein selbstbewußter Kinobesucher,
... . Dabei kann es hilfreich sein, in der eigenen Körperhaltung
die Dissoziierung zu betonen: z.B. die Hände zu verschränken,
den Körper zurückzulehnen, usw.
In jedem Fall soll mit jeder der drei Positionen eine klar erkennbare
und deutlich unterscheidbare
Physiologie verbunden sein. Oft sind kleine Veränderungen in der Körperhaltung
geeignet, den Zugang zu einer der drei Positionen zu finden. Dies
kann im Alltag nützlich sein. NLP-erfahrene Menschen können sich
trainieren, im Alltag (z.B. bei Gesprächen) rasch die Positionen
zu wechseln, und z.B. - ohne daß dies auffällt - für kurze Zeit
die zweite oder die dritte Wahrnehmungs-Position zu aktivieren.
Die Informationen, die hier gewonnen werden, können in vielen
Fällen hilfreich sein, auch schwierige Kommunikations-Situationen
zu bewältigen. Das Modell der drei Wahrnehmungs-Positionen kann
sowohl direkt in einer Kommunikations-Situation, als auch für
die Vor- und Nachbereitung wichtiger Situationen genützt werden.
Die typische
Prozeß-Anweisung für die Anwendung der einfachen Variante auf einen Kommunikations-Konflikt
geht über neun Schritte.
(1) Das Thema und eine typische Szene festlegen und die Kommunikations-Partner
benennen. Wenn es sich um einen Konflikt handelt, ist auf eine
wirkungsvolle Dissoziierung vom Konflikt zu achten. Meist werden
die drei Positionen als
Boden-Anker etabliert. Sind mehrere Personen an der Szene beteiligt, kann
es nützlich sein, die zweite Position nach mehreren Personen zu
unterteilen.
(2) Die erste Position aktivieren. Typische Fragen dazu sind:
"Wie geht es mir da?", "Wie denke ich da über mich?", "Wie denke
ich da über die anderen Personen?", "Wie denke ich über die Situation?".
(3) Dasselbe für alle zweiten Positionen.
(4) Die dritte Position einnehmen und aktivieren: die Szene mit
den Augen eines neutralen und kompetenten Beobachters / einer
neutralen und kompetenten Beobachterin von außen betrachten, dem
Dialog zwischen der ersten und allen zweiten Personen von außen
zuhören, usw. Die Interaktionen der ersten und der (oder den)
zweiten Person(en) von außen analysieren. Typische Fragen sind:
"Was machen die 1. und 2. Person, daß immer wieder das Gleiche
abläuft?", "Welche Anker werden hier von wem gesetzt?", "Wie reagieren
die anderen darauf?", usw. Das Ziel ist ein besseres Verständnis
des Systems und die Erkundung
kalibrierter Schleifen zwischen allen Akteuren.
(5) Aus der dritten Position: das Ziel für die Kommunikations-Situation
festlegen und die fehlenden
Ressourcen für die erste Person erkunden.
(6) Eine oder mehrere Ressourcen (an einem neuen Ort am Boden)
aktivieren und in die erste Position hineinbringen.
(7) Die beiden letzten Schritte, falls erforderlich, auf alle
anderen Personen in dieser Situation anwenden. (Bei schweren Konflikten
besteht oft eine innere Hemmung dies zu tun. Warum soll ich meinem
"Feind" eine Ressource geben? Hier kann es hilfreich sein, sich
klar zu machen, daß es nicht um den "Feind", sondern nur um mein
Modell über den "Feind" geht, und zu fragen, ob es für das gewählte
Kommunikations-Ziel hilfreich sein kann, das eigene Modell über
den "Feind" zu verändern.)
(8) Ein abschließender Check aus der ersten und / oder der dritten
Position: "Wie wird die Szene jetzt innerlich wahrgenommen?",
"Was hat sich verändert?".
(9)
Future Pace.