Wahrnehmungs-Positionen Die bewußt oder unbewußt eingenommene Pespektive, aus der eine Situation erlebt wird. NLP kennt traditionellerweise drei Wahrnehmungs-Positionen, die als erste, zweite und dritte Wahrnehmungs-Position bezeichnet werden.
(1) Die erste Position ist das Erleben ganz aus der eigenen Innen-Perspektive,
assoziiert mit der eigenen Rolle, den eigenen Gedanken und Gefühlen. In der ersten Position ist die Wahrnehmung direkt, unmittelbar und unvermittelt: ich sehe mit meinen Augen, höre mit meinen Ohren und fühle meine Gefühle in dieser Situation. Es ist das ungefilterte, eigene Erleben aus der eigenen Innen-Position. Ich bin ganz ich selbst, in Kontakt mit meinem Körper und meinen Gefühlen. Ich erlebe eine Situation ganz aus mir.
(2) Die zweite Position ist die Wahrnehmung einer Situation aus der Perspektive einer anderen Person. Ich schlüpfe "in die Schuhe" einer anderen Person und erlebe die Welt aus der Warte dieser Person: ich sehe mit den Augen dieser Person, höre mit ihren Ohren und fühle aus der Perspektive des anderen. Ich stelle mir vor, wie es wäre, die Situation als diese Person zu erleben und was ich da wahrnehmen könnte. Die Fähigkeit zur zweiten Position ist eine natürliche Fähigkeit. Im Klischee sind es Eltern, die "instinktiv" die Bedürfnisse eines kleines Kindes "erraten". In der zweiten Position imaginieren sich Menschen die Innen-Perspektive anderer Menschen. Sie sind von ihrem eigenen Erlebnis
dissoziiert und mit dieser Person
assoziiert. Sie tun so,
als ob sie eine andere Person wären.
(3) Die dritte Position schließlich entspricht der Wahrnehmung einer außenstehenden Person, die von außen die Situation betrachtet. In der dritten Position gehe ich in die Haltung eines Beobachter, der ohne große Gefühle von außen eine Situation wahrnimmt. Ich sehe, höre und denke wie ein neutraler Beobachter, der eine Kommunikations-Situation beobachtet. In der dritten Position bin ich von den Gefühlen der Innen-Position (der ersten Position) und den Gefühlen anderer (der zweiten Position) dissoziiert. Im Klischee ist dies ein "objektiver Wissenschaftler", der von außen ein System analysiert, dem er sich nicht zugehörig fühlt und von dem er glaubt, daß er nicht ein Teil davon ist. Die dritte Position ist eine
Meta-Position zu den beiden anderen Positionen. In der Distanz zur ersten und zurzweiten Position können die Interaktionen zwischen mir und anderen Personen erkundet werden, und z.B.
kalibrierte Schleifen in Erfahrung gebracht werden.
Das Modell der drei Wahrnehmungs-Positionen kann durch die Schaffung beliebiger Meta-Positionen erweitert werden. Robert Dilts hat den
Meta-Spiegel als vierte Position und als Meta-Positionen zu den drei anderen Positionen definiert. Der Meta-Spiegel dient der Erkundung des Beziehungsmuster zwischen dritter und erster Position: der Art, wie die dritte Person mit der ersten Person umgeht.
Das Modell der drei Wahrnehmungs-Positionen spielt für die
Kommunikations-Techniken des NLP eine große Rolle. Erfolgreiche Kommunikatoren beherrschen die Fähigkeit, alle drei Positionen einnehmen zu können. Sie können Kommunikations-Situationen aus allen drei Perspektiven erfahren. Dabei geht es um eine ausgewogene Balance zwischen allen drei Positionen. Sie können als dreifache
Polaritäten definiert werden. Menschen unterscheiden sich auch danach, in welchen
Kontexten sie - gleichsam automatisch - welche der drei Positionen bevorrangt einnehmen. In NLP wird der Wert jeder Position betont, weil es in jeder Position etwas zu erfahren gibt, was den beiden anderen Positionen verborgen ist. Der Wert der ersten Position ist die Fähigkeit, ganz
assoziiert sein zu können und auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Der Wert der zweiten Position sind soziale Fähigkeiten: den Standpunkt und die Bedürfnisse anderer zu erkennen, zu respektieren und für andere da zu sein. Der Wert der dritten Position ist die Fähigkeit,
dissoziiert sein zu können, sich aus dem emotionalen Sog von Situationen befreien zu können. In der dritten Position sind Menschen fähig, Kommunikations-Strukturen zu erkennen und zu analysieren, Muster zu entdecken,
Strategien und
Meta-Programme in Erfahrung zu bringen.
Jede Wahrnehmungs-Position ist ein Gewinn und jede Position kann gleichzeitig eine Hindernis sein. Kommunikations-Konflikte sind nach NLP durch ein Mißverhältnis der drei Positionen gekennzeichnet. Wird die erste Position zu sehr betont, können Menschen zu starke Selbst-Sortierer sein, unfähig zur Wahrnehmung der Welten anderer oder unfähig, sich selbst von den eigenen Gefühlen zu distanzieren und sich selbst aus einer Außen-Position Feedback zu geben. Menschen, die zu sehr in der zweiten Position leben, leben nicht ihr Leben, sondern das anderer Menschen. Dies kann mit einem geringen Selbstwert und einer schlechten
personalen Identität verbunden sein. Ist die dritte Position zu dominant, so kann dies mit einem mangelnden Zugang zu den eigenen Gefühlen, einem Mangel an Genuß-Fähigkeit, am assozierten Erleben schöner Momente verbunden sein.
Mit NLP können Menschen lernen, verschiedene Perspektiven einzunehmen und alle drei Positionen abwechselnd zu erleben. Das Ziel ist Flexibilität: die Fähigkeit, eine Kommunikations-Situation
mehrfach beschreiben und erleben zu können.
(1) Ein verstärktes Erleben der ersten Position kann durch alle
Assoziierungs-Techniken trainiert werden.
(2) Die Anleitung zur zweiten Position ist (a) die Imagination der gewünschten Person und (b) zu tun
als ob man diese Imagination wäre. Manchmal ist es hilfreich, die zwei Prozeß-Schritte bewußt zu trennen:
(a) sich diese Person dissoziiert (z.B. in zwei Meter Abstand) vorzustellen und sich dabei auf typische Verhaltens-Merkmale, wie Körperhaltung, Bewegung, Gesten, der Art des Redens, der Art der Kleidung, zu konzentrieren. Dabei genügen in vielen Fällen vage Eindrücke, eine Ahnung, das könnte so oder so sein.
(b) in diesen imaginierten Körper "hineinzugehen": genau diese Körperhaltung einzunehmen, sich genau so zu bewegen, so zu reden oder sich das vorzustellen, usw. (Manche Personen stellen sich vor, sie würden in den Körper "hineinschlüpfen" oder diesen Körper "wie einen Taucher-Anzug anziehen"). Dabei kann dies so erfahrene Körper-Gefühl eigenartig sein (z.B. auch, wenn es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt).
(3) Die dritte Position wird durch die
Dissoziierungs-Techniken gefördert. Weil es viele Arten von dritter Position gibt, ist es oft hilfreich, bewußt positive Eigenschaften in diese Position zu geben: z.B. die Vorstellung von einem kompetenten Schauspiel-Direktor, der die Performance seines Lieblings-Schauspielers begutachtet, oder eine sachkundige Regisseurin, ein selbstbewußter Kinobesucher, ... . Dabei kann es hilfreich sein, in der eigenen Körperhaltung die Dissoziierung zu betonen: z.B. die Hände zu verschränken, den Körper zurückzulehnen, usw.
In jedem Fall soll mit jeder der drei Positionen ein klar erkennbare und deutlich unterscheidbare
Physiologie verbunden sein. Oft sind kleine Veränderung in der Körperhaltung geeignet, den Zugang zu einer der drei Positionen zu finden. Dies kann im Alltag nützlich sein. NLP-erfahrene Menschen können sich trainieren, im Alltag (z.B. bei Gesprächen) rasch die Positionen zu wechseln, und z.B. - ohne das dies auffällt - für kurze Zeit die zweite oder die dritte Wahrnehmungs-Position zu aktivieren. Die Informationen, die hier gewonnen werden, können in vielen Fällen hilfreich sein, auch schwierige Kommunikations-Situationen zu bewältigen. Das Modell der drei Wahrnehmungs-Positionen kann direkt in einer Kommunikations-Situation, als auch für die Vor- und Nachbereitung wichtiger Situationen genützt werden.
Die typische
Prozeß-Anweisung, hier am Beispiel eines Kommunikations-Konfliktes, geht über neun Schritte.
(1) Das Thema und eine typische Szene festlegen und die Kommunikations-Partner benennen. Wenn es sich um einen Konflikt handelt, ist auf eine wirkungsvolle Dissoziierung vom Konflikt zu achten. Meist werden die drei Positionen als
Boden-Anker etabliert. Sind mehrere Personen an der Szene beteiligt, kann es nützlich sein, die zweite Position nach mehreren Personen zu unterteilen.
(2) Die erste Position aktivieren. Typische Fragen dazu sind: "Wie geht es mir da?", "Wie denke ich da über mich?", "Wie denke ich da über die anderen Personen?", "Wie denke ich über die Situation?".
(3) Dasselbe für alle zweite Positionen.
(4) Die dritte Position einnehmen und aktivieren: die Szene mit den Augen eines neutralen und kompetenten Beobachters / einer neutralen und kompetenten Beobachterin von außen betrachten, den Dialog zwischen der ersten und allen zweiten Personen von außen zuhören, usw. Die Interaktionen der ersten und der (oder den) zweiten Person(en) von außen analysieren. Typische Fragen sind: "Was machen die 1. und 2. Person, daß immer wieder das Gleiche abläuft?", "Welche Anker werden hier von wem gesetzt?", "Wie reagieren die anderen darauf?". usw. Das Ziel ist ein besseres Verständnis des Systems und die Erkundung
kalibrierter Schleifen zwischen allen Akteuren.
(5) Aus der dritten Position: das Ziel für die Kommunikations-Situation festlegen und die fehlenden
Ressourcen für die erste Person erkunden.
(6) Eine oder mehrere Ressourcen (an einem neuen Ort am Boden) aktivieren und in die erste Position hineinbringen.
(7) Die beiden letzten Schritte, falls erforderlich, auf alle anderen Personen in dieser Situation anwenden. (Bei schweren Konflikten besteht oft eine innere Hemmung dies zu tun. Warum soll ich meinem "Feind" eine Ressource geben? Hier kann es hilfreich sein, sich klar zu machen, daß es nicht um den "Feind", sondern nur um mein Modell über den "Feind" geht, und zu fragen, ob es dem gewählten Kommunikations-Ziel nützen könnte, das eigene Modell über den "Feind" zu verändern.)
(8) Ein abschließender Check aus der ersten und / oder der dritten Position: "Wie wird die Szene jetzt innerlich wahrgenommen?", "Was hat sich verändert?".
(9)
Future Pace.
Übungsanleitung dazu.