Quelle: Der Falter, 48/00, S. 10 und12
Wie tun mit Westenthaler?
FPÖ-ATTACKEN "Führt doch einen Metadiskurs", rät Walter Ötsch. Der Professor hat die Strategien der FPÖ erforscht. Er weiß, was sie in Sachen Spitzelaffäre noch alles anzetteln wird und wie man ihr Paroli beiten kann.
FLORIAN KLENK und NINA WEISSENSTEINER
Zuerst kommen die Dementis. Dann die Klagsandrohungen. Zum Schluß die Gegenattacken. Seit Wochen schon befinden wir uns in Phase drei der blauen Gegenstrategien, sobald die FPÖ in einer Krise steckt. Kein Tag vergeht, an dem Organe des Rechtsstaates nicht ohne Beweise als "rote Brüder" bezeichnet undd des Amtmißbrauches beschuldigt würden. "Das alles ist nichts Neues", meint dazu Walter Ötsch, "wenn es für die Freiheitlichen - wie nun in der Spitzelaffäre - eng wird, hantieren sie immer mit denselben Methoden".
Die Reaktionen auf die Ermittlungen seien daher "von Anfang an vorhersehbar gewesen". Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Linz muss es wissen. Ötsch hat die blauen Inszenierungen jahrelang studiert. Vor zwei Monaten hat der Experte für NLP (Neurolinguistisches Programmieren) und Verfasser des einschlägigen Wörterbuches die Kommunikationsmuster der Freiheitlichen offen gelegt und als Buch publiziert ("Haider Light", Czernin Verlag). Wer immer mit FPÖ-Funktionären im Fernsehstudio oder am Stammtisch diskutieit, sollte es lesen.
Falter: Herr Ötsch, Sie sind doch auch so ein roter Bruder der linken Jagdgesellschaft!
Walter Ötsch: Ich gratuliere Ihnen! Sie beherrschen die Kommunikationsmuster der Demagogie, wie Sie in meinem Buch beschrieben sind. Danke für die Werbedurchsage!
Angenommen, FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler würde Sie in einer Fernsehdiskussion tatsächlich so attackieren: Wie würden Sie darauf reagieren?
Ähnlich wie bei Ihnen. Mit diesem Vorwurf werden mir sowohl schlechte Motive als auch Gewalt unterstellt. Das würde ich ansprechen und hinzufügen: "Damit haben die Zuschauer eine gute Gelegenheit, zu erkennen, mit welchenMethoden die FPÖ Politik macht. Nämlich, indem Sie von Sachthemen ablenkt, einen persönlichen Angriff startet und so den politischen Diskurs zerstört." - Ich würde also versuchen, auf Vorwürfe mit einem Metadiskurs zu reagieren.
Was soll das bringen? Die Freiheitlichen steigen Ihnen auf diese Metaebene doch sicher nicht ein.
Vielleicht. Aber in einer öffentlichen Debatte diskutiert man ja nicht nur mit dem Gegenüber, sondern vor allem mit den Zusehern, - man sollte sie auch miteinbeziehen. Personen, die von der FPÖ angegriffen werden, machen das in der Regel nicht.
Was machen die in der Regel noch alles falsch?
Es gibt zwei übliche Reaktionen: Die erste ist es, Ärger zu zeigen. Dann ist das erreicht, was die FPÖ letztlich will: "Die Freunde sollen jubeln und die Gegner müssen toben." Genau diese Polarisierung braucht Haider für seinen Erfolg. Wenn man also in eine Debatte geht, sollte man auf den Überraschungsangriff gefasst reagieren, denn dieser Angriff kommt bestimmt. Man heißt, man muss sich darauf einstellen, und wenn es soweit ist,braucht nicht aus dem Ärger heraus zu reagieren.
Wie sieht die zweite Fehlreaktion aus?
Das Zweite ist eine wortreiche Erklärung. Ich hätte bei Ihrer Eingangsfrage etwa sagen können: "Ja, ich wurde schon einmal von der SPÖ zu einem Vortrag eingeladen, aber ich bin eh kein Mitglied, blablabla
" Bei einer solchen Antwort ist man damit beschäftigt, sich zu rechtfertigen. Manche Zuschauer würden dann denken, "Der Vorwurf wird schon stimmen, sonst würd' der sich jetzt nicht so verteidigen." Ich würde mir auch wünschen, dass von den Gegnern mehr auf unverrückbare Fakten hingewiesen wird, die von der FPÖ andauernd vernebelt werden. Und es könnte auch ein lustvollerer Umgang mit den dauernden Angriffen gepflegt werden. Es sollte nicht immer so erschreckt reagiert werden.
Der lustvolle Umgang mit Vorwürfen würde aber den meisten spätestens dann abhanden kommen, wenn etwa von Gestapo-Methoden die Rede ist.
Man muss sich bewusst sein, dass die FPÖ auch mit der Angst spielt. Etwa mit der vor den Konzentrationslagern. Diese Angst ist meiner Meinung nach heute aber völlig irreal. Das ist ein teil der Show. Viele reagieren auf Haiders Drohungen und Anspielungen wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich bin der meinung, mann muss auch diese Angst vor dem naziterror aushalten. Man sollte daher aus der Spannung herausgehen und der FPÖ diese Energie nehmen.
Wie pariert man also am besten Vorwürfe wie diese?
Wieder mit der Metaebene. So wie ich Ihnen das eben erklärt habe, kann man das auch in einer Diskussion für die Zuseher machen. Einer solchen Situation kann man die Spannung aber auch mit anderen Mitteln nehmen. Etwa, indem man sich beschwert, dass Haider Österreich im Ausland schon wieder als Nazi-Land schlecht macht, oder man könnte die bisherigen braunen Rülpser aufzählen und dem neuen Spruch eine Nummer geben und sagen: "Das ist jetzt Nummer 37, liebe Wähler, wenn sie die FPÖ wählen, geben Sie auch solchen Sprüchen ihre Stimme."
Sind die blauen Attacken in der Spitzelaffäre nicht so offensichtlich, dass sie erstmals auch vom kleinen Mann durchschaut werden? Etwa wenn nun seit Wochen der Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Erik Buxbaum, und seine Ermittler als "rote Brüder, die nur gegen die Freiheitlichen vorgehen", beschimpft werden?
Könnte sein. Die Spitzelaffäre zeigt aber sehr gut, wie autoritär die FPÖ denkt. Haider glaubt ja anscheinend, man könne eine Untersuchung von oben - autoritär - durch Auswechslung von Beamten und durch Machtworte abwürgen. Er hat keinen klaren Blick dafür, wie die Justiz - hoffentlich - wirklich arbeitet. Die Macht der Regeln dieses Systems werden unterschätzt, obwohl Haider selbst Jurist ist. Er nimmt doe Strukturgesetmäßigkeiten nicht zur Kenntnis, meiner Meinung nach ist das sogar eine Art von Dummheit.
Welche Strategien wird die FPÖ anwenden, wenn die Staatsanwaltschaft tatsächlich Anklage erhebt?
Die große Frage ist, welches Material die FPÖ noch im Hintergrund hat. Haider selbst hat ja einmal gesagt, er hätte ein Schatzkästchen, worin er Dinge sammelt, die er sich für wichtige Konfrontationen aufspart. In der Spitzelaffäre ist dieser "ultimative Gegenschlag" noch nicht passiert. Es könnte sein, dass die Freiheitlichen noch gar nicht alles ausgespielt haben. Womöglich stehen sie jetzt auch vor dem Problem, dass sie nicht mehr sagen können, woher sie die brisante Informationen haben. Sie könnten ja schlecht sagen, "Schaut's, das haben wir aus dem EKIS-Computer". Es wäre daher möglich, dass neues Material diesmal nicht direkt sondern hinten herum an die Öffentlichkeit gebracht wird. Es gibt ja genug befreundete Medien, die das wahrschinlich auch machen würden.
Welche Register könnte die FPÖ noch ziehen?
Soviel ist sicher: Schuldeinsicht, ein Vergehen begangen zu haben, wird es in ihren Reihen auf keinen Fall geben. Wenn es immer enger wird, könnte aberdurch eine symbolische Aktion ein Teil der Parteispitze verstoßen werden. Die Leute würden sich wahrscheinlich dafür auch opfern, der Wiener FPÖ-Chef Hilmar Kabas zum Beispiel. Darauf könnte eine Inszenierung folgen, ähnlich wie nach dem Fall Rosenstingl, wo Haider dann die "gläserne Partei" ausgerufen hat und öffentlichkeitswirksam der "Demokratievertrag" verkündet wurde. Haiders Image würde dabei unbefleckt bleiben und er könnte versuchen, alles auf andere abzuschieben: Die haben ihn halt betrogen.
Apropos unbeflecktes Image: Sie schreiben in ihrem Buch, die FPÖ habe sektenähnliche Züge. Sehen Sie da auch Parallelen speziell zu Scientology?
Manche Ausschnitte sind sicher vergleichbar. Eine Analogie ist jedoch keine Gleichsetzung. Folgende Merkmale der FPÖ belegen diese Analogie: Die Monopolstellung von Haider, der innerste Kreis und dessen Aufgaben, die Liebesbindung der Mitglieder an den Führer und die strikte Trennung des Images von Guru und Organisation. Im operativen Handling hat Haider alles unter Kontrolle, bei Ministerbesetzungen etwa, und bei wichtigen Weichenstellungen, zuletzt nach der Wahlniederlage in der Steiermark. Bei Haides Image gibt es dagegen ein Höchstmass an Trennung. Die Organisation gilt als fehlbar, der Führer als unfehlbar. Hier ist die FPÖ ein Sonderfall, bei anderen Parteien findet man das nicht. Das Image von Alfred Gusenbauer etwa ist mit dem Image der SPÖ ganz eng gekoppelt, auch das von Wolfgang Schüssel mit dem der ÖVP.
Wer trainiert eigentlich die FPÖ?
Es gibt ja immer diese Gerüchte über NLP-Trainings, aber einen Beweis dafür hat noch niemand liefern können. Es ist ziemlich sicher, dass Neulinge einen Crash-Kurs bekommen und dann von Experten regelmäßig trainiert und auf Medienereignisse vorbereitet werden. Ich denke, ein großer Teil passiert auch aus Nachahmung. Viele FPÖ-Leute, bis hin zum innersten Führungskreis - wie etwa Peter Westenthaler - identifizieren sich ja komplett mit Haider.
Sie selbst sind ja NLP-Experte. Was bringt diese Methode in der Politik?
NLP ist eine Sammlung von verschiedensten Methoden, die pragmatisch und eklektizistisch angewandt werden. Es hat mit der Kampfrhetorik der FPÖ eigentlich überhaupt nichts zu tun, weil der Hintergrund von NLP ist die humanistische Psychologie ist. Dabei trainiert man sich auf nonverbale Wahrnehmung, auf den Einsatz des Körpers, auf Sprachgefühl, auf Selbststabilisierung und auf einen gezielten Umgang mit inneren Bildern. Grundelemente von NLP werden vermutlich von jeder Partei trainiert.
Wenn man das alles so perfekt trainieren kann, dann müssen sich die FPÖ-Funktionäre ja jeden Abend vor dem Fernseher ins Fäustchen lachen, wie ihre Verschwörungstheorien brav transportiert werden.
Villeicht. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass Verschwörungsdenken, wie es etwa jetzt in der Spitzelaffäre passiert, nie immer nur reine Taktik sein kann.
Sie meinen, Haider glaubt selbst, dass die rote Jagdgesellschaft nun hinter ihm her ist?
Haider handelt sowohl aus Taktik als auch aus innerer Überzeugung. Der Führer einer sektenähnlichen Organisation muss an die Bedrohungsbilder seiner Propaganda bis zu einem gewissen Grad wirklich selbst glauben. Sonst kann er sie ja nicht stimmig vermitteln, wenn er daran grundsätzlich zweifelt.
Würden Sie an einer Fernsehdiskussion mit einem Freiheitlichen überhaupt teilnehmen?
Es kommt auf die Umstände an. Neulich wollte man mich die "ZIB 3" mit Generalsekretär Peter Sichrovsky zusammenspannen. Das habe ich aber abgelehnt, weil mir die Debatten inder "ZIB 3" zu kurz sind. Die beschimpfen dich da, und dann ist die Sendezeit schon wieder vorüber. Und das muss ich mir nicht unbedingt geben.
© Der Falter 2000.