Quelle: Die Presse, 10. 11. 2000, Seite 10


QUERGESCHRIEBEN: DER "PRESSE"-KOMMENTAR VON AUSSEN:

Vom Handbuch für Demagogie

VON BARBARA COUDENHOVE-KALERGI


Noch vor dem Ausbruch der Spitzelaffäre hat ein Linzer Kommunikationswissenschaftler ein "Handbuch für Demagogie" veröffentlicht (Walter Ötsch: "Haider Light", Czernin Verlag). Der Autor analysiert darin auf verblüffende Weise die Argumentationsmuster des einfachen Parteimitglieds Jörg Haider und seiner Anhänger.

Es ist aufschlußreich, die Ausführungen der FPÖ-Führer zum jüngsten Skandal mit diesem Schema zu vergleichen. Sieh da, sieh da: Sie folgen präzise dem "Handbuch für Demagogie".

Laut Ötsch ist der eigentliche Kern der Haider-Botschaft die Einteilung der Welt in zwei Lager: WIR und DIE ANDEREN. WIR sind die immer Guten. DIE ANDEREN sind die immer Bösen. WIR sind der Sprecher und seine jeweilige Zielgruppe, die Fleißigen und Anständigen, die "kleinen Leute", die Inländer. DIE ANDEREN sind, je nachdem, "die da oben" (früher die regierenden "Altparteien"), "die da unten" (die Sozialschmarotzer, die um unser Geld gut leben) oder "die da draußen" (die EU, die Ausländer).

DIE ANDEREN bedrohen uns. Ihnen ist jedes Verbrechen, jede Gemeinheit zuzutrauen. WIR müssen uns wehren. Das besorgt für uns vor allem einer, nämlich der SUPER WIR.

Um das Bild von der zweigeteilten Welt dem Publikum erfolgreich zu verkaufen, braucht man "Beweise". Walter Ötsch schreibt, wie das geht: "Aktivieren Sie negative Gefühle und vorhandene Vorurteile, indem Sie einen empörenden Einzel-Fall aus der Gruppe der ANDEREN schildern. Irgend etwas werden Sie schon aufspüren. Wenn Sie nichts bei der Hand haben: Erfinden Sie etwas. Verallgemeinern Sie Ihren Einzel-Fall für die gesamte Gruppe. Alle ANDEREN sind so! Voilà: Ihr Weltbild ist "bewiesen".

Man kann vor diesem Hintergrund verstehen, daß es für den erfolgreichen Demagogen lebenswichtig ist, solche "Beweise" aufzutreiben (und sei es aus dem Polizeicomputer): der Ausländer, der angeblich nicht abgeschoben wird, der gegnerische Politiker, der angebliche Verbindungen zur Drogenszene hat.

Aber was tun, wenn in den eigenen Reihen Skandale aufkommen? Auch hier hat das Handbuch das Rezept parat: "Verschleiern Sie eigene Skandale, solange es geht" (Muster 65). Auch im aktuellen Fall wurde das Rezept getreulich angewendet. Die Parole lautete: Alles nicht wahr, alles erstunken und erlogen. Wenn das nicht mehr hilft, kommt Muster 7l zur Anwendung: "Zur Überlagerung des eigenen Skandals: Skandalisieren Sie DIE ANDEREN".

Im Spitzelskandal waren DIE ANDEREN zunächst die Journalisten mit ihren "kranken Gehirnen", in denen die Lügenmärchen entstanden. Dann waren es die Sozialdemokraten, die ihrerseits den eigentlichen Spitzelskandal verursacht haben.

Die suspendierten wiederum FPÖ-Polizisten waren zunächst schuldlose Verleumdungsopfer. Als diese Version nicht mehr aufrecht zu erhalten war, wurde eine andere Lesart eingesetzt: Die Beamten haben in "Notwehr" gehandelt.

Sie konnten nicht anders, sie mußten den SUPER WIR über DIE ANDEREN informieren. Sie mußten spitzeln, um "Mißstände aufzudecken". DIE ANDEREN bedrohen uns! WIR müssen "zurückschlagen", "Ordnung machen", "ausmisten". WIR können uns das nicht länger gefallen lassen. Das wird der SUPER WIR nicht zulassen. Zwischen UNS und DEN ANDEREN gibt es keine Kompromisse. DIE ANDEREN dürfen in keinem Punkt recht haben. WIR oder DIE ANDEREN - dazwischen gibt es nichts.

Das "Handbuch für Demagogie" hat die Strategie also exakt vorausgesagt. Das Beunruhigende dabei ist nur, daß das genau gleiche Rezept schon einmal verwendet wurde. Damals hieß der SUPER WIR Adolf Hitler.

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