Wie geht es mit Haider weiter?

(Text zur Lage vom 15.9.2002)

Walter Ötsch


Man kann die FPÖ als sektenähnliche Bewegung verstehen: um eine Guru scharen sich gläubige Jünger, die von ihm die Errettung der Welt erhoffen. Sektenähnliche Bewegungen erleben in der Phase ihres Untergangs einen Albtraum. Die versprochenen Segnungen treten nicht ein, die Sekte schrumpft und kämpft schließlich um ihr Überleben. Die Außen-Welt wird noch bedrohlicher, Verräter in den eigenen Reihen werden gesichtet. Endzeitstimmung macht sich breit.

Die Vorgänge in der FPÖ folgen diesem vorhersehbaren Muster. Das Verschwörungs-Denken, auf das Haider alles zurückführt (der Kampf gegen „das System“) geht in eine letzte Runde und richtet sich jetzt auch gegen die eigene Leute. Vor ca. 10 Tagen hat Haider folgende Version aufgetischt: „Meine Partei ist dem politischen Gegner“ (gemeint war die ÖVP) „auf den Leim gegangen. … Sie (unter Einschluss der eigenen Leute in der Regierung) haben sich verbündet, um mich zur Strecke zu bringen.“ Haider bringt die alte Garde in der FPÖ zum Rücktritt und übernimmt die Partei wieder direkt.

Aber es kommt für Haider noch dicker. Haider eröffnet den Wahlkampf am Dienstag mit der Ankündigung, er selbst habe den Kauf der Abfangjäger gestoppt, ab Mittwoch wird das plakatiert. Scheibner laviert hin und her. Am Freitag meint er: „Haider ist vom Kauf der Abfangjäger überzeugt“. Einen Tag später erklärt Haupt das Aus für die Abfangjäger gelte nur vorläufig. Haiders Schachzug ist geplatzt, die neue Spitze hat ihn im Stich gelassen.

Wie deutet Haider diese Niederlage? Er begreift die neuen Kontrahenten, so kann vermutet werden, als Teilnehmer an einer Verschwörung. Irgendwas im Hintergrund ist faul, es stinkt nach Korruption. Am Samstag kommt Haider (blitzartig?) zu dem Schluss, sein Misserfolg müsse mit Ungereimtheiten beim Abfangjäger-Deal zu tun haben. Sein Scheitern führt er auf „wirtschaftliche Interessen mit der Abfangjägeranschaffung“ innerhalb der FPÖ zurück, schuld sind „die bisherigen Regierungsmitglieder und die sie umgebenden Lobbys und Interessengruppen“. Die Korruption hat nun, so kann gefolgert werden, für Haider das Herz der Partei selbst erreicht: die FPÖ ist Teil des „Systems“, das er seit Jahrzehnten bekämpft.

Wie könnte es mit Haider weitergehen, hier drei Szenarien:

1. Haider rächt den Verrat an der Spitze der Partei. Er zerstört die FPÖ endgültig und betreibt ihre Selbstauflösung. Da diese „Bewegung“ für ihn immer noch die seine ist, und die meisten in der Partei ihm treu ergeben sind, könnte Haider dies vermutlich sogar gelingen. Vielleicht gründet er eine neue Bewegung, und die alte FPÖ tritt bei den Wahlen gar nicht mehr an.

2. Haider agiert wie ein verletztes und schmollendes Kind. Er sieht den Wahlkampf schon als gescheitert und lässt alles laufen, wie es ist. Zum ersten mal in seiner Laufbahn nimmt er einen angekündigten Rücktritt tatsächlich ernst. Er schreibt die neue Führungs-Mannschaft in der FPÖ vollends ab, bleibt im Hintergrund und stört den Wahlkampf der FPÖ durch zynische Kommentare. Die Partei übernimmt er erst wieder nach den Wahlen.

3. Haider bäumt sich zum „Endkampf“ auf und sucht den verzweifelten Ausweg in einem „großen Coup“, der ihn blitzartig wieder in die politische Arena katapultieren soll. Denkbar sind außen- und innenpolitische Manöver, wie ein Eingreifen in den geplanten Irak-Krieg oder die Präsentation einer abenteuerlichen Verschwörungs-These gegen die ÖVP (die er vermutlich im Augenblick als Hauptfeind begreift). Haider könnte dabei die wahnwitzigsten Indizien für gerechtfertigt halten, so wie er in den letzten Jahren Dutzende von absonderlichen Verschwörungsthesen präsentiert hat (einer der Spezialisten, der ihm dabei behilflich sein kann, ist Ewald Stadler). Zu befürchten ist, dass die österreichischen Medien wieder reflexartig die Stimmung aufputschen, anstatt zu beruhigen und der Bevölkerung Haiders Verschwörungs-Denken verständlich machen


Was Haider machen wird, weiß er wahrscheinlich selbst noch nicht. Offenbar folgt er nur noch spontan seinen Impulsen, Ursache und Folge der vielen Fehler der letzten Zeit.

Walter ÖLtsch, geschrieben am 15.9.2002.