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Vorwort zur 5. Auflage


„Haider Light“ wurde im Sommer 2000 abgeschlossen und alles, was seither geschehen ist, war ebenso unglaublich wie vorhersehbar. Die Ereignisse bestätigen die in diesem Buch vorgelegte Analyse sowohl für viele Aktionen der FPÖ in der Regierung (in wachsendem Maße auch der ÖVP) als auch für das scheinbar überraschende Ende der ÖVP-FPÖ-Koalition Anfang September 2002.

Ein renommierter Journalist schrieb knapp davor über die „große Verarschung“ durch die FPÖ – „jawohl derartige Ausdrücke sind“, so meint er, „nun angebracht“: das, was hier geboten wird, könne er nicht anders nennen (Kurier, 5.9.2002, mit gleichen Worten auch andere Kommentatoren). Die Details dieser „Verarschung“ kann man in diesem Buch studieren und auch die Denkweisen, aus der sie entspringen.

Die FPÖ hat sich seit dem Eintritt in die Regierung in keiner Weise verändert. Sie hat es nicht geschafft – und wird es auch in Zukunft nicht schaffen – sich zu einer „normalen“ (konservativen) Partei zu wandeln, die zu konstruktiver Sachpolitik fähig ist. Dazu hätte nämlich etwas passieren müssen, das von außen betrachtet, selbstverständlich erscheinen mag, aber intern – so sieht es aus – nicht zu leisten ist: sich nämlich von jener Denk- und Vorstellungs-Grundlage zumindest etwas zu verabschieden, die in diesem Buch „demagogisches Welt-Bild“ genannt wird. Es beruht auf der Einteilung der politischen Welt in zwei Personen-Gruppen: die GUTEN WIR, die unter Federführung des SUPER-WIR (nämlich Haider) die BÖSEN ANDEREN zu bekämpfen haben. [15ff:, Seitenangaben in eckigen Klammern]. Diese Denk-Vorlage beruht, wie gezeigt wird, auf erfundenen Kategorien [27]. Die Menschen, die hier beschrieben werden, existieren schlichtweg nicht. Das demagogische Denken hat im Grunde mit der Realität nichts gemein. Es entwirft eigenartige Traum-Gebilde, losgelöst von so banalen Dingen wie empirische Fakten [46]. Ihre Grund-Kategorien kann man beliebig mit wechselnden Personen füllen: als Sündenbock ist jeder geeignet [38]. Zur Not können es auch Leute aus der eigenen „Bewegung“ sein, die von einem Augenblick zum anderen zu FEINDEN gestempelt werden. In einer solchen Welt ist alles Unerwünschte letztlich eine Verschwörung [207ff.]: DIE DA OBEN haben sich gegen UNS DA UNTEN verbunden und alles, buchstäblich alles, was einem missfällt, kann in diesem Schema „erklärt“ werden (so war etwa die Spitzelaffäre im Herbst 2000 – wie von der FPÖ verkündet - eine Verschwörung linker Beamten im Innenministerium.)

Auch der Kampf von Haider gegen die eigenen Minister folgt diesem Muster: „Meine Partei“, so hat Haider vorher verkündet, „ist dem politischen Gegner“ (gemeint ist die ÖVP) „auf den Leim gegangen. … Sie“ (unter Einschluss der eigenen Leute in der Regierung) „haben sich verbündet, um mich zur Strecke zu bringen.“

Mein Buch will Sie einladen, sich die interne Logik dieses Denkens klarzumachen und die Augen nicht vor diesem offensichtlichen Unsinn zu verschließen. Aussagen dieser Art sind wortwörtlich zu nehmen. Sie sind keine taktischen Äußerungen, sondern dokumentieren eine Denkungsart. (In der Datenbank unter www.haiderlight.at finden Sie viele Belege). Ein Ziel dieses Buches ist es auch, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie die politische Landschaft für jemanden aussieht ist, der solche Bilder für wahr hält und andauernd von Verschwörungs-Phantasien geplagt wird. (Nicht von ungefähr führte Edward Stadler, einer der bekannten „Verschwörungs-Spezialisten“ der FPÖ [209], den Aufstand der „Basis“ gegen die missliebig gewordene „Spitze“ DA OBEN IN WIEN an.)


Vor mehr als zwei Jahren habe ich das vorliegende Buch mit zwei schwarzen Szenarien beendet. Ich habe erstens auf die Gefahr eines „Mega-Hypes“ hingewiesen [233ff.] und zweitens die Frage aufgeworfen, was in einer Sekte geschieht, wenn ihr historisches Scheitern feststeht.

Das erste Szenario verweist auf die Zukunft. Ein von Haider inszenierter Mega-Hype, am besten knapp vor den Wahlen, bleibt als Drohung erhalten. Die nächsten Wahlen werden mit neuen, noch stärkeren Angst-Szenarien und Emotionalisierungs-Schüben geführt werden. Haider in die Ecke getrieben, ist vieles zuzutrauen. Alle politisch Interessierten sind aufgefordert, die „Option“ eines inszenierten Mega-Hypes ernst zu nehmen und aktiv nachzudenken, was hier kommen könnte, - und rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen.

Was wir seit Anfang 2002 erleben durften, folgt dem zweite Szenario: die „apokalyptische Paranoia“ [238], die in einer sektenähnlichen Bewegung dann ausbricht, wenn feststeht, dass die geweckten Heilserwartungen nicht eingelöst werden können und die Anhängerschar schrumpft. Jetzt wird die dunkle Verschwörungs- und Bedrohungs-Welt noch schwärzer: das „System“ ist offensichtlich drauf und dran, der eigenen „Bewegung“ das Lebenslicht auszublasen. „Die Jünger müssen“ jetzt [so habe ich auf Seite 238 geschrieben], „besonders gehorsam sein“ (sogar die eigenen Minister mussten gedemütigt werden), „der Ton wird militaristischer“ (Personen mit rechtsradikalen Tönen bekommen vermehrt Einfluss) und eine „Endzeit-Stimmung entsteht“ (Haiders depressive Phasen). In einer solchen Stimmung wird vieles möglich. Sollte Haider in den Meinungsumfragen weiter an Stimmen verlieren, dann wird er weitere Eskalations-Schritte setzen [220ff.] bis hin zu einem wirklichen Crash, – mit unabsehbaren Folgen auch für das ganze Land.

Die Regierungs-Krise im September 2002 war die Folge der bei Regierungseintritt von Haider ausgeheckten Strategie. Haider übergibt die Partei-Führung an eine Person, die sich über viele Jahre als bedingungslos gehorsam erwiesen hat (sie gehört dem innersten Macht-Kern an [125]), und inszeniert einen Schein-Rücktritt [134]. Dieser soll das Image von Haider noch radikaler von dem der FPÖ trennen, – ein Phänomen, wie es für eine Sekte typisch ist: in einer Sekte gilt der Guru als unfehlbar [36] und alle Misserfolge werden den „fehlbaren“ Gefolgsleuten in die Schuhe geschoben.

Die Metapher von der Sekte ist in der Tat für ein Verständnis der FPÖ angebracht, und eine logische Folge ihres Welt-Bildes. Eine „Bewegung“ in Analogie zu einer Sekte befolgt zwei Prinzipien:

Auf diese Weise braucht ein Guru für die von ihm mit Macht ausgestatteten Gefolgsleute (wie Haider für „seine“ Minister) keinerlei Verantwortung übernehmen [161], – egal was diese anstellen. Der Guru ist von den Mühen des Tagesgeschäftes befreit, ihm wird ein Außen-Status eingeräumt [35].Seine kostbare Zeit verbringt er damit, seine Anhänger permanent zu mobilisieren und bei Laune zu halten [140]. Die Posten, die zu vergeben sind, werden mit braven Gefolgsleuten besetzt [125], die zu gehorchen haben [128]. (Der treue Gefolgsmann Mölzer sprach von der „Richtlinien-Kompetenz“, die man einer Person mit einer „Autorität“ wie Haider einräumen müsse; ORF 3, 7.9.2002). Personen, die so zu Amt und Würden gelangen, beinhalten ein Risiko [141], z.B. dass sie absolut unfähig sind, ihren Job sachkundig auszuführen. (Die in etwas mehr als zwei Jahren verschlissenen FPÖ-Minister sind dafür beredte Beispiele: Justizminister Krüger wirft nach nur 25 Tagen das Handtuch wegen „Überlastung“. Sozialministerin Sickl, tritt nach 8 Monaten zurück, Infrastrukturminister Schmid ein Monat später. Seine Nachfolgerin Monika Forstinger schafft es ganze 14 Monate sich im Amt zu halten).

Haiders Strategie war von Anfang an, darauf gerichtet, Regierung und Opposition in einem zu spielen (und die ÖVP hat ihn dabei gewähren lassen). Die „Erfolge“ dieser Strategie konnten sich durchaus sehen lassen. Unter tatkräftiger Mithilfe der österreichischen Medien blieb Haider unangefochten der große Gefühls-Manager der Nation [51]. Ein Medienhype nach dem anderen wurde produziert, hier eine kleine Auswahl:

Angriffe auf den Regierungsbeauftragten für die EU-Erweiterung (August 2000), Drohung mit dem Ende der Koalition nach der Wahlniederlage in der Steiermark (Oktober 2000), Attacke auf den Innenminister im Zuge der Spitzelaffäre (November 2000), Beschimpfung des Präsidenten der Jüdischen Kultusgemeinde im Wahlkampf in Wien (Februar 2001), Streit um das ORF-Gesetz (April 2001), wiederholte Forderung einer Volksabstimmung für die EU-Erweiterung (u.a. im Juni 2001), Drohungen mit Neuwahlen (Oktober 2001), Streit um das AKW Temelin in der Regierung (November 2001) und neue Drohung mit Neuwahlen (Dezember 2001), wieder Drohung mit Neuwahlen nach dem von der ÖVP ausgehandelten Kompromiss im Konflikt um das AKW Temelin (Dezember 2002), Beschimpfung des Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes (Dezember 2001), Inszenierung des Temelin-Volksbegehrens gegen den Willen der ÖVP und wüste Auseinandersetzungen in der Koalition danach (Jänner 2001), Besuch beim irakischen Diktator Saddam Hussein (Februar 2002), Streit um die Steuerreform (April 2002), Streit der Klubobmänner in der Regierung (Mai 2002), Treffen mit Führern rechtsextremer Parteien in Europa (Juli 2002), die Affäre Gaugg (Sommer 2002) und dann der eskalierende Streit innerhalb der eigenen Partei.


Der Auslöser für die Beendigung der Regierung war banal genug. Haiders „Kinder“ in der Führungsspitze der FPÖ [127] hatten es gewagt, ihren „gestrengen Vater“ zu kritisieren (bis zuletzt nur mit relativ moderaten Tönen), zuerst intern, dann nach dem Besuch bei Saddam Hussein – Februar 2002 – auch in der Öffentlichkeit (der Besuch war eine offenen Brüskierung der Vizekanzlerin, die von der Aktion nichts wusste und ihren Staatsbesuch in den USA Hals über Kopf abbrechen musste). Ab dem Sommer 2002 geht Haider mit seiner Chefin offen auf Konfrontation (im Februar wurde ihr nach den Turbulenzen der Irak-Reise eine parteiinterne „Generalvollmacht“ übertragen – ein treffendes Beispiel für eine Sprache, der jeglicher herkömmliche Sinn abhanden gekommen ist [201]). Haider wird zunehmend bewußt, dass seine Doppel-Strategie nicht aufgeht und ein Wahl-Debakel mit dem Verlust der Mehrheit für die Regierung droht. Jetzt muss für den Herbst die Oppositions-Seite forciert werden. (Das schwierige Budget 2003 und die Schluss-Verhandlungen zur EU-Erweiterung stehen vor der Tür.) Am Ende des Machtkampfes im August und September entgleiten ihm die Zügel. Der Sturz der Regierung und Neuwahlen wären, so vermute ich, erst für das Frühjahr 2003 vorgesehen gewesen. Der aufgestaute Hass (ein echter Guru hasst seine Gefolgschaft [165]) bricht sich ungestüm Bahn. Die Angegriffenen wehren sich und die fassungslose Öffentlichkeit kann beobachten, wie die vorher bejubelten FREUNDE ihre bewährte Hass-Sprache [60] nun gegeneinander anwenden. Interessanterweise brachte zuletzt die von Haider wiederholt gedemütigte Parteichefin eine ernsthafte Note in das Spiel. Sie forderte ihre Partei auf, sich an die eigenen Abmachungen zu halten, mit anderen Worten: die Demagogie-Show etwas zurückzustellen, Fakten zur Kenntnis zu nehmen und nicht dauernd die Meinung zu ändern. Eine solche Selbstverständlichkeit hat im demagogischen Denken keinen Platz, das ja vom Boden der Realität zur Gänze losgelöst ist [27]. Haiders Truppe inszeniert schnell einen Aufstand „der Basis“ (sich auf die Basis in einer autoritären Bewegung zu berufen ist skurril genug), Parteichefin und die Minister werden erneut gedemütigt [144] und beenden das Spiel durch ihren Rücktritt. Der endgültige Bruch der Koalition kommt für Haider und seine Getreuen überraschend, nach altbewährter Manier gibt man sich jetzt als „Opfer“ [39]. Schuld sind immer DIE ANDEREN.

Die wichtigste Ressource einer sektenähnlichen Bewegung ist das Image ihres Gurus. Auf ihn richten sich die Heilserwartungen der Jünger und von seiner Strahlkraft hängt es ab, wie viele ihm folgen und wie stark die Bewegung ist. Haiders Image ist nachhaltig beschädigt, seine Ausstrahlung sichtlich verblasst und kann vermutlich im alten Glanz nicht wieder wiederauferstehen.

Jetzt kommen die schwarzen Seiten seiner Persönlichkeit (die bei vielen Gurus beobachtet werden kann) zum Vorschein. Neue Scharfmacher werden nach oben gespült, andere wenden sich angewidert ab. Viele Kommentatoren thematisieren auch direkt die Psyche von Haider [vgl. 166ff.]. Eine solche Situation bedeutet für den Guru eine Krise seiner Persönlichkeit, weil er ja die am meisten gefährdete Person in seinem Spiel ist [170].

Aber niemand kann die Zukunft vorhersehen und manches ist möglich. Eine Zukunfts-Hoffnung von Haider richtet sich auch auf die europäische Ebene: die Einigung extrem rechter und rechtsradikaler Gruppen, um gemeinsam bei Wahlen zum Europäischen Parlament anzutreten. Die Erfolgsaussichten dieses Projekts sind ungewiss. Viele der hier in Betracht kommenden Parteien sind selbst guruähnlich organisiert, was eine Zusammenarbeit erschwert. Personen, die am Guru-Spiel Gefallen gefunden haben, können in der Regel nicht miteinander kommunizieren. Jede Begegnung artet zum Machtspiel aus, weil sich jeder besser dünkt und den anderen letztlich verachtet [165].

Zum Schluss noch eine persönliche Bemerkung: sich mit Haider zu beschäftigen bedeutet nicht, den Kampf gegen Haider zur obersten Priorität zu erheben. Ein Programm, das nur gegen Haider gerichtet ist, besitzt keine politische Perspektive. Viel wichtiger sind positive und integrative Entwürfe für die Zukunft, letztlich würden wir eine globale Vision benötigen. Der Aufstieg demagogischer Richtungen, nicht nur in Österreich, hat auch mit einer eigentümlichen Lähmung der Politik zu tun, bei der Zukunfts-Fragen nicht mehr ernsthaft zur Sprache kommen und mediale Inszenierungen dominieren. Inhalts- und substanzleere Politik fördert direkt Demagogie, wo Show-Elemente im Vordergrund stehen, die mit fast beliebigen Inhalten gefüllt werden können. Meine Hoffnung richtet sich auf einen neuen Trend (es gibt kleine Anzeichen dafür), bei der Menschen Lust bekommen, ihren Blick nach vorne zu richten und sich die Frage zu stellen, wie wir und unsere Kinder in fünf, zehn oder zwanzig Jahren leben wollen.


Walter Ötsch,
Linz, 11. September 2002


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