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Teil A
Wie werde ich Demagoge?
1. Erfinden Sie ein einfaches Welt-Bild
Das Grund-Schema
Demagogie bedarf der Propaganda. Demagoge wird man nicht, in dem man zu Hause in der warmen Stube hockt, sondern in dem man hinausgeht und der Welt eine Botschaft verkündet. Diese Botschaft muß einfach, plakativ und eindeutig sein.
Muster 1: Predigen Sie etwas Einfaches
Das Leben ist kompliziert genug. Wenn Sie als angehender Demagoge den anderen erklären wollen, wie komplex und vielschichtig das alles ist, wird Ihnen niemand zuhören. Sollte Ihnen jemand zuhört, dann sind das vermutlich genau die, die für demagogische Propaganda schwer zu gewinnen. sind: Leute, die abwägen, reflektieren, nachdenken und alles hinterfragen wollen. Ihre Ziel-Gruppe hingegen sind Menschen, die auf Einfachheit aus sind.
Ihre einfache Predigt handelt von der Politik, vom sozialen Leben. Soziale Prozesse sind ungemein komplex, viel mehr als der größte Computer. Das Miteinander mit anderen kann man sich wie einen Dschungel vorstellen, in dem die seltsamsten Pflanzen wuchern. Alles wächst in alle Richtungen, ein Chaos, das keiner überblickt. Das kunterbunte Durcheinander kann leicht Angst machen. Hinter jedem Baum lauert ein Raubtier und kann jeden Augenblick zuschlagen.
Im sozialen Dschungel wächst die Sehnsucht nach einem einfachen, klaren, überschaubaren Garten: ein paar Beete, einige Blumen und Bäume und ein großer Zaun, der alles schützt. Ihre Aufgabe als Demagoge ist, den Dschungel zu roden und den Garten zu predigen.
Einfaches zu predigen bedarf eines einfachen Denkens. Vermutlich sind Sie intelligent genug, um zu wissen, wie vielschichtig soziale Fragen sind. Als angehender Demagoge ist es Ihre Aufgabe, intelligent so zu tun, als ob alles einfach wäre. Ihre Intelligenz zeigt sich daran, wie glaubwürdig Ihnen das Als-ob-es so-einfach-wäre-Spiel gelingt.
Noch besser ist es, an einfache Ideen wirklich zu glauben und nicht nur so tun zu müssen, als ob alles so einfach wäre. Am besten ist es, wenn Sie in einem einfachen Denken aufgewachsen sind und niemals von schwierigen und bohrenden Fragen wirklich berührt gewesen sind. Ihnen das zu vermitteln war Aufgabe Ihrer Eltern oder Ihrer Lehrer, - und später Ihre eigene Leistung. Vielleicht ist es dazu bereits zu spät und Sie können den ersten Teil meines Buches nur noch als Parodie genießen.
Für Haider trifft dies (leider) nicht zu. Er besitzt einen Startvorteil, der ihm erlaubt, von dem einfachen Welt-Bild (das ich gleich erzählen werde) zutiefst überzeugt zu sein. Dieses Bild ist seine Basis, sein grundlegendes Überzeugungs-System. Er predigt es seit vielen Jahrzehnten. "Schuld" an diesem Vorteil sind Haiders Eltern. Haider besitzt nicht nur, wie er in einem Interview einmal sagte, "die Gnade der späten Geburt" sondern auch die Gnade der richtigen Eltern. Mit Ihrer Hilfe konnte Haider schon als Kind jenes einfache Schema von der Welt erlernen, das wir heute bei fast all seinen Aktionen bewundern können. Haider hat sich gegen das Denken seiner Eltern, soweit ersichtlich, niemals aufgelehnt oder es prinzipiell verlassen. Er besitzt immer noch eine Denk-Grundlage, die viele Ähnlichkeiten mit der seiner Eltern aufweist.
Haiders Eltern waren bekanntlich überzeugte Nationalsozialisten, vermutlich sind sie es heute noch.
"Haiders Eltern sagen heute, von den Greueln des Nationalsozialismus hätten sie "nichts gewußt". Dorothea Haider: Aber die haben uns alle zu Verbrechern gestempelt, weil wir immer nur unsere Pflicht getan haben. Einer amerikanischen Besucherin soll Robert Haider vor mehreren Jahren gestanden haben: "Ich bereue nichts. Ich würde der Sache wieder dienen."
Das Denken der Nationalsozialisten ist ein Beispiel für ein demagogischen Welt-Bild. Es erscheint heute als ziemlich überholt, Hitler als Demagoge könnte heute nur im Kabarett auftreten. Haiders Denken unterscheidet sich in vielen Punkten vom der Nationalsozialismus. Wichtiger als die Frage, ob Haider ein Nazi ist, scheint mir, die Grundlagen seines Denkens offenzulegen. Haider predigt ein demagogisches Welt-Bild, das tiefliegender und weitreichender als das der Nationalsozialisten ist. Es ist gleichsam die Basis, aus dem nationalsozialistisches Denken, aber auch viele andere Formen, entspringen kann. Diese Basis ist zudem im Alltag verbreitet. Es besteht im Kern aus einer erfundenen Welt, die in zwei völlig verschiedene Teile aufgespalten wird.
Muster 2: Teilen Sie die (soziale) Welt in zwei Teile: in DIE WIR und in DIE ANDEREN.
Demagogen allere Schattierungen unterteilen die politische Welt in zwei Gruppen: in eine In-Gruppe, das sind DIE WIR, und in eine Out-Gruppe, das sind DIE ANDEREN. Hutus gegen Tutsi, Kroaten gegen Serben, Russen gegen Tschetschenen, Weiße gegen Schwarze, Arier gegen Juden, Inländer gegen Ausländer ... , unzählige Beispiele für ein Denken, das weltweite Anerkennung genießt.

Abbildung 1: DIE WIR und die ANDEREN
abei geht es nicht um die Einteilung als solche. "Wir" und "andere" sind Alltags-Einteilungen, die wir dauernd machen (müssen). Sie helfen uns zu wissen, wer wir sind: ob wir zu den Männern oder zu den Frauen, zu den Jungen oder zu den Alten, zu dieser Firma oder zur Konkurrenz, gehören oder nicht. Zur Demagogie wird es erst, wenn DIE WIR-Gruppe und DIE ANDEREN-Gruppe so absolut gesetzt wird, dass es faktisch keine gemeinsamen Merkmale jenseits der Einteilung mehr gibt: DIE WIR sind vollkommen andere Menschen als DIE ANDEREN. Ein Beispiel ist rassistisches Denken: WIR Weiße sind qualitativ höherstehende Menschen als DIE Schwarzen, oder WIR Inländer sind grundsätzlich bessere Menschen als DIE Ausländer. Im demagogischen Denken besitzen DIE WIR und DIE ANDEREN immer gleichbleibende Eigenschaften: DIE WIR sind GUT und DIE ANDEREN sind BÖSE. Einer gleichartigen Gruppe von WIR, alle davon sind GUT, steht eine gleichartige Gruppe von ANDEREN gegenüber, alle davon sind BÖSE, - ein uraltes mythologisches Schema.
Die Welt DER WIR und DER ANDEREN ist eine feindliche Welt: DIE WIR und DIE ANDEREN stehen sich feindlich gegenüber. DIE WIR und DIE ANDEREN sind in einen Kampf verstrickt. DIE WIR sind von DEN ANDEREN bedroht. DIE WIR müssen gegen DIE ANDEREN kämpfen.
Das ist der Kern des Welt-Bildes von Haider, das er seit vielen Jahren mit Inbrunst predigt. Haiders Botschaften folgen dem einfachen Schema einer zweigeteilten Welt. Seine Welt ist eine Angst-Welt, eine ideale Vorlage für die Aktivierung von Ängsten. In diesem Schema reduziert sich die politische Propaganda auf eine einfache Kern-Botschaft.
Muster 3: Reduzieren Sie alles auf eine Kern-Botschaft
Die Kern-Botschaft der Demagogie enthält zwei zentrale Aussagen:

Abbildung 2: Die zentrale Bedrohung
Haiders Welt ist eine Welt von FEINDEN. Haider lebt innerlich in einer Welt von FEINDEN. Er fühlt sich andauernd von FEINDEN bedroht. Er spricht damit Menschen an, die sich bedroht fühlen. Haider aktiviert und verstärkt Ängste, die in den Menschen vorhanden sind und lenkt sie auf die FEINDE um. Haiders Erfolg beruht auf der Umlenkung von Angst.
DIE WIR
DIE WIR ist die Bezugsgruppe der Agitation, die Ziel-Gruppe, an die sich die Botschaft richtet. In der Regel ist es die Gruppe, vor der Haider spricht oder um die er wirbt. Haider möchte bei seinen Zuhörern ein WIR-Gefühl schaffen, in dem er ihre Ängste aktiviert und sie auf einen gemeinsamen Außen-Feind lenkt.
Muster 4: Definieren Sie DIE WIR als bedroht.
DIE WIR sind immer in Abgrenzung zu DEN ANDEREN definiert. Die Abgrenzung definiert eine Bedrohung, eine Kampf-Situation.
Bei Haider und der FPÖ sind DIE WIR:
Im Kampf gegen das Sozialversicherungssystem sind es die Patienten.
Im Kampf gegen die Ärztekammer sind es die Ärzte.
Im Kampf gegen die "falsche Geschichtsschreibung" ist dies die ganze "Soldatengeneration."
Im Kampf gegen die "guten Deutschkärntner" sind es die "bösen slawischen Feinde".
Im Kampf gegen die "Schwarzen, Gelben und Braunen" ist es die "weiße Rasse".
Im Kampf gegen den "Kartell-Kapitalismus, beherrscht von Monopolisten und Bankiers" ist es das "freie Unternehmertum".
Im Kampf gegen das Sozialsystem sind es "leistungsorientierte Bürger"
Im Kampf gegen die "Bürokratie der großen Koalition" die "erfolgreichen Betriebe".,
Im Kampf gegen den "schwarz-roten Filz" im öffentlichen Dienst sind es "die Beamten, die nicht länger als die Buhmänner der Nation dastehen" dürfen.
Im Kampf gegen "das System" sind es allgemein die "ehrlichen, arbeitsamen, kleinen Leute / Österreicher / Arbeiter", "die von sechs- bis siebentausend Schilling leben müssen oder die eine Pension bekommen, die nicht höher ist."
Im Kampf gegen die EU (anführen)
Die Liste kann beliebig verlängert werden.
DIE ANDEREN
DIE ANDEREN sind jene Leute, gegen die Haider agiert. Sie sind die Ursache der Ängste und schlechten Gefühle DER WIR. DIE ANDEREN sind all jene, unter denen DIE WIR zu leiden haben. DIE ANDEREN verfügen über übermäßigen Einfluß. Haiders politische Botschaft ist die Zurückdrängung des Einflusses DER ANDEREN.
Muster 5: Definieren Sie DIE ANDEREN als Bedrohung.
DIE ANDEREN kann man in unterschiedliche Gruppen einteilen, z.B. in:
Stets handelt es sich um in sich gleichartige Gesamtheit von Menschen, die DIE WIR bedrohen.

DIE DA OBEN:
Das sind die Leute, denen politische Macht zugesprochen wird:
die Politiker schlechthin
die "Altparteien"
"das System"
"die Pfründewirtschaft gewissenloser Funktionäre"
"Kommunisten und Linksgruppen in der Regierung"
"die Privilegienritter in den Interessenvertretungen"
"Korruptionisten" und "Sozialschmarotzer"
die "Gauner der Republik", "die unter dem Deckmantel der Universität und Wissenschaft oder sonstiger Institutionen" agieren
die von den Linken kontrollierten Medien
namentlich genannte Wissenschaftler, Literaten und Künstler
Die DA draußen:
Das sind die Leute im Ausland, die Österreich bedrohen (wenn sie als mächtig gelten, können sie auch DEN DA OBEN zugezählt werden):
geheimnisvolle ausländische Mächte, die unser Land destabilisieren wollen
"kommunistische Geheimdienste, der KGB und der Staatssicherheitsdienst"
(die für Haider als mögliche Urheber der Brief-Bomben-Attentate in Österreich in Frage gekommen sind)
die Bürokratie in Brüssel
ausländische Geheimgesellschaften, wie die Bilderberger
"das Auslandkapital"
"das geheime Zusammenspiel der westlichen Hochfinanz mit den Kommunisten"
alle Ausländer, sofern sie nicht "Angehörige deutscher Minderheiten" sind, insbesondere Slawen und Schwarze.
Die DA Unten:
Das sind die sozial verachtenswerte Leute, die sich Rechte und Privilegien herausnehmen, die ihnen nicht zustehen.
Juden
Frauen
in Österreich lebende Ausländer
Slowenen
Asoziale
arme Künstler
"Drückeberger"
"politische Opportunisten"
"subventionsabhängige Lemminge"
"geistig heimat- und vaterlandslose Gesellen"
"ein Bodensatz an Menschen, die faul, arbeitslos und dumm sind."
"schreiendes Gesindel" und "versprengte Chaoten"
und so weiter und so fort.
Haider als Sprach-Schöpfer
Ein erfundenes Welt-Bild ist ein kunstvolles Produkt mit vielen Nuancen. Es bedarf eigener Begriffe, die nur in ihm Sinn geben und auf es verweisen.
Muster 6: Erfinden Sie neue Begriffe für DIE WIR und DIE ANDEREN.
Haider ist in dieser Beziehung sehr kreativ. Er hat die politische Diskussion mit neuen Begriffen bereichert, die vorher nicht bekannt oder nicht verwendet wurden.
Beispiele:
Altparteien, Ausgrenzung, Bettlerrepublik, Betonierer, Bonzen, Diebsgesindel, Diskutantenstadel, Dritte Republik, (rot-schwarze) Einheitspartei, Entwicklungsdemokratie, Funktionärparadies, Gaunerrepublik, Gehirnwäsche, Gesindel, Gruselkabinett, Korruptionäre, Korruptionisten, Lizenzparteien, Nachtwächterregierung, Opperettenstaat, Ostblockmethoden, Packelei, Parasiten, Parteibuchwirtschaft, Parteibonzen, Parteifilz, Pfründenwirtschaft, Politbonzen, Postenschacher, Privilegienritter, Privilegiensumpf, Privilegienwirtschaft, Proporzminister, Raubritter, Skandalbrüder, Skandalparteien, Staatszirkus, Sozialschnorrer, Sozialscharotzer, Sozialmißbrauch, Staatszirkus, Systemparteien, Zwangskammernsystem.
Eigenschaften DER WIR und DER ANDEREN
Im sozialen Dschungel ist nichts eindeutig. Alles geht durcheinander. Menschen haben viele Eigenschaften und verhalten sich manchmal so, manchmal so.
Ihre Aufgaben als Demagoge ist, das Durcheinander zu beenden. Aus diesem Grund ordnen Sie die Menschen jeweils zwei Lagern zu. Ihr zweigeteiltes Welt-Bild braucht eindeutige Grenzziehungen. Ihre Zuhörer müssen genau wissen, welche Art von Menschen DIE WIR und DIE ANDEREN sind.
Muster 7: Belegen Sie DIE WIR und DIE ANDEREN mit eindeutigen Eigenschaften
Die Grundregel ist einfach:
Diese Grundregel wird von Haider und seinen Mit-Propagandisten streng beachtet, Zwischentöne sind kaum zu vernehmen. DIE WIR und DIE ANDEREN erscheinen wie Leute von anderen Welten, wie unterschiedliche Arten von Menschen.
Haider und die FPÖ propagieren klare FREUND- und FEIND-Bilder.
DIE WIR werden mit positiven Eigenschaften versehen: sie sind "brav", "anständig" "ehrlich", "fleißig", "arbeitsam", "charaktervoll". Die Motive DER WIR sind immer GUT. Sie sind prinzipiell friedfertige Menschen. Wenn sie gewalttätig werden, dann nur, weil sie von DEN ANDEREN provoziert wurden.
DIE ANDEREN hingegen werden mit negativen Eigenschaften versehen: sie sind "kriminell", "faul", "unmoralisch", "gewissenlos", "charakterlos". Die Motive DER ANDEREN sind immer SCHLECHT. Sie sind prinzipiell aggressive Menschen. Wenn sie gewalttätig sind, dann ist dies der augenscheinliche Beweis ihrer wahren Natur.
Das Haider-Schwarz-Weiß-Spiel
Haider und seine Mit-Kämpfer haben seit Jahren konsequent ein eigenes Sprach-Spiel entwickelt, bei denen DIE WIR immer mit positiven, DIE ANDEREN immer mit negativen Eigenschaften versehen werden. Gleichzeitig werden bestimmte positiv bewertete Begriffe immer DEN WIR, bestimmte negativ bewertete Begriffe immer DEN ANDEREN zugeordnet.
Beispiele:
DIE WIR
DIE ANDEREN
Wir, uns
Sie, die, jene, die da
FPÖ
System-Parteien
unzufriedene Bürger
Arbeitslose
Bewegung, politische Gruppe
Parteien, System-Parteien
Leistungsprinzip
Sozialsystem
richtige Politik
immer größer werdende Probleme
politische Erneuerung, Ordnung machen, Ordnung
Staat
Wähler, Mitbürger, Bauern, Häuslbauer, Arbeiter, Angestellte, Gewerbetreibende, der kleine Mann
Beamte, Arbeiter in den verstaatlichten Betrieben, Eisenbahner, Arbeitslose, Sozialschmarotzer
Neue Vorstellungen
Bürokratisches Steuersystem
intelligent, idealistisch
Funktionär
aufrecht, fair, loyal, spontan
Zwang, kollektiv
bürgerlich
Sozialisten, Kommunisten, (marxistisch unterwanderte) Grüne
Opposition
Regierungsämter
Heimat, Kärnten, national
Partisanen, Slowenen
modern, demokratisch
alt, Methoden von gestern
Diskussion, dynamisch
Ideologen, sakrosankt
Privatwirtschaft, Privatisierung
Verstaatlichte, Steuern
Freiheit
öffentliche Leistungen
Inländer, brav und anständig
Ausländer, kriminell
Leute, die sich anstrengen
Tachinierer, Faulenzer, Sozialschmarotzer
Schlüssel-Begriffe
Haider predigt sein Welt-Bild seit vielen Jahren und ein Teil der österreichischen Bevölkerung ist ihm dabei gefolgt. Er hat über Jahre hinweg seine neu erfundenen Begriffe bestimmten Eigenschaften zugeordnet und sie mit anderen Begriffen gekoppelt. Haider hat systematisch ganze Assziations-Ketten aufgebaut und hundertemale wiederholt. Das Ziel ist eine automatische und unbewußte Verbindung beim Zuhörer. Wenn Haider einen Begriff aus dem verbundenen Begriffs-Feld nennt, dann soll beim Zuhörer wie von selbst das ganze Feld aktiviert werden. Wenn er "System-Partei" sagt, dann sollen die Leute ganz automatisch an "Privilegien", "Postenschacher" und "Funktionäre" denken. Jeder Schlüssel-Begriff soll der Auslöser für bestimmte Einstellungen und Gefühle sein.
Sabine Platzer hat 50 Interviews von Haider aus den Jahren 1985 bis 1990 analysiert. Sie konnte um die Begriffe "Große Koalition", "Alte Parteien" folgende Begriffs-Ketten erkennen.

Abbildung 3: Eine Begriffs-Kette von Haider
Den negativen Begriffs-Komplexen werden konsequent positive Begriffs-Felder gegenübergestellt: "die FPÖ als wahre Alternative, aufrecht, ehrlich, erfolgreich, loyal, intelligent, initiativ, demokratisch, kritisch, diskussionsbereit, effizient, das Leistungsprinzip achtend ..."
Keine Ausnahmen!
Demagogie braucht Klarheit und Eindeutigkeit. Verwirren Sie Ihre Gefolgs-Leute nicht durch unklare Zuordnungen!
Muster 8: Bleiben Sie konsequent: keine Ausnahmen im Schwarz-Weiß-Spiel
Vermischen Sie niemals:
Suchrätsel: Gibt es Beispiele, wo Haider und hohe FPÖ-Funktionäre dieses Muster durchbrechen?
Die Strategie der Vereinfachung
Ihre Kern-Botschaft kann nur gepredigt werden, wenn Sie den Mut haben vielschichtige Themen extrem zu vereinfachen.
Muster 9: Vereinfachen, vereinfachen, vereinfachen!
Üben Sie sich in der Kunst komplexe Zusammenhänge in ein einfaches Welt-Bild zu pressen. Diskutieren Sie jedes politische Problem in Ihrem einfachen Schema.
Sehen wir uns an einem Beispiel an, wie Haider das macht.
Das Beispiel betrifft das Problem der Arbeitslosigkeit.
Jeder von uns kennt Menschen, die arbeitslos sind. Wenn wir über sie nachdenken, dann fallen uns spontan unterschiedliche Antworten auf die Frage ein, warum sie arbeitslos sind: weil die Firma zugesperrt hat, weil sie einen unfähigen Chef hatten, weil sie krank wurden, weil sie Krach mit Kollegen hatten, weil sie zu trinken begannen, weil die Nachfrage nach den Produkten ihrer Firma plötzlich zurückging, weil die Firma verkauft wurde, usw. Es gibt ein gutes Dutzend Gründe für Arbeitslosigkeit und jeder hat eine gewisse Berechtigung. Auch Experten nennen in der Regel mehrere Ursachen für Arbeitslosigkeit. Jeder, der sich ernsthaft mit Arbeitslosigkeit beschäftigt, beschreibt Arbeitslosigkeit als komplexes Thema, - mit vielen Ursachen, die nicht so leicht zu beseitigen sind.
Wenn Arbeitslosigkeit ein komplexes Thema ist, dann steht Haider mit seinem einfachen Welt-Bild vor einem Problem: er muß die Arbeitslosen mit ihren unterschiedlichen Gründen und Problem-Lagen in sein einfaches Schema bringen. Aber wohin, zu welcher Gruppe soll er die Arbeitslosen stecken? Handelt es sich um GUTE, die das Pech hatten, einem unfähigen Chef oder einer schlechten Konjunktur zum Opfer zu fallen? Oder um SCHLECHTE, die selbst an ihrer Arbeitslosigkeit schuld sind? Sind Arbeitslose "brave, anständige" WIR oder "faule, undisziplinierte" ANDERE?
Allgemein: Wie bringe ich Leute mit Fleisch und Blut in ein abstraktes Welt-Bild mit GUTEN und BÖSEN? Wenn dies nicht für alle Arbeitslose möglich ist: gibt es vielleicht mehrere Gruppen von Arbeitslosen? Welche Arbeitslosen gehören dann zu welcher Gruppe? Wer sind die GUTEN und wer sind die BÖSEN Arbeitslosen? Nach welchen Kriterien fällt man in die eine oder in die andere Gruppe?
Fragen dieser Art verwirren. Sie führen zu dem Schluß, dass Arbeitslose für Haiders Welt-Bild nicht geeignet sind. Sie sind ein zu bunter Haufen für ein Schwarz-Weiß-Bild.
Komplexe Themen sind kein Hindernis, wenn Sie als Demagoge populistisch vereinfachen wollen. Es geht nicht darum, ein Verständnis für die Vielschichtigkeit sozialer Probleme und ihrer mannigfachen Ursachen zu schaffen und echte Lösungen anzubieten. Überlassen Sie das DEN ANDEREN. Als Demagoge wollen Sie Emotionen wecken und FEIND-Bilder propagieren. Dazu ist jedes Mittel geeignet.
Das komplexe Thema Arbeitslosigkeit ist kein Hindernis, sondern ein hervorragendes Thema, um ein demagogisches Welt-Bild zu propagieren.
Studieren wir an einem Beispiel, wie Haider dies tut.
(1) "Ich repräsentiere den politischen Vertreter, den das auch ärgert, was die Leute ärgert.
(2) Ich bin deshalb auch glaubwürdig, gegen Privilegien, für Gleichberechtigung der Bürger.
(3) Niemand versteht: wenn der Arbeiter zwölf Monate arbeiten geht, ist er falsch beraten.
(4) Wäre gescheiter, er würde sechs Monate arbeiten, Den Rest geht er stempeln, Steuer holt er sich vom Jahresausgleich.
(5) Mit der Arbeitslosenunterstützung hat er um dreißig Prozent mehr verdient gegenüber dem , der ein Jahr tätig ist.
(6) Das spüren die Leut. Die Masse ist diszipliniert, geht ein Jahr arbeiten, mit den hohen Steuerleistungen muß sie das alles mitfinanzieren, fühlt sich vom Staat betrogen."
Haider übersetzt hier das Phänomen von Arbeitslosigkeit in sein Welt-Bild. Er geht so vor:
(1): Er baut ein WIR-Gefühl auf, indem er gemeinsame negative Gefühle anspricht. ICH und WIR sind durch den Ärger verbunden. DIE WIR sind hier die "Leute".
(1), (2): Er definiert daraus seine eigene Rolle als Politiker: Weil er zu DEN WIR, den "Bürgern", gehört, sei er legitimiert, politische Forderungen zu erheben.
(3): Er beschreibt DIE WIR als Arbeiter, die das ganze Jahr brav arbeiten gehen.
(4): Aus der bunten Masse der Arbeitslosen pickt er sich einen kleinen Teil heraus: Personen, die nur sechs Monate arbeiten gehen und das Sozialsystem ausnützen.
Sie werden als DIE ANDEREN definiert und DEN WIR gegenübergestellt.
(5): Jetzt wird gerechnet: der Vorteil, den DIE ANDEREN aus dem Sozialsystem beziehen, kontra dem Verdienst DER WIR, die das Sozialsystem finanzieren.
(6): Das empört die "disziplinierten" WIR zu Recht. Diese Gefühle werden angesprochen und generell gegen den "Staat" gewendet.
DIE ANDEREN sind eine Erfindung
Ein Demagoge definiert DIE ANDEREN immer so: Er nimmt sich aus einer Gruppe (z.B. die Arbeitslosen) einen kleinen Teil heraus (Arbeitslose, die das Sozialsystem ausnützen) und konstruiert daraus DIE ANDEREN. Demagogie ist die kunstreiche Erfindung einer Gruppe von Menschen. DIE ANDEREN sind eine fiktive Konstruktion. Sie bestehen aus Einzel-Personen, die im demagogischen Welt-Bild für die gesamte Gruppe gesetzt werden (alle Arbeitslosen nützen das Sozialsystem aus). Dabei spielt keine Rolle, wie groß die Gruppe der Einzel-Fälle wirklich ist: nützen ein Prozent der Arbeitslosen das System aus, oder drei Prozent oder fünf oder zehn oder dreißig?

Demagogen sind kreative Leute. Sie erfinden künstliche Gruppen von Menschen. Sie erschaffen Begriffe, die von Menschen handeln, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Demagogen kümmern sich nicht um "Fakten". Ihre kreative Gestaltungs-Kraft ist grenzenlos. Demagogen sind viel zu einfallsreich, um sich von der "Realität" zähmen zu lassen. Sie sind die Realitäts-Dealer einer Welt, die es gar nicht gibt.
Welche Vereinfachungen werden gemacht, wenn Haider von
"den Politikern",
"den System-Parteien"
"den Drückebergern"
"den Ausländern"
spricht?
Vereinfachung und Polarisierung
Die Strategie der Vereinfachung ist die Vorbedingung für die Polarisierung, für eine Welt, die nach FREUND du FEIND unterscheiden wird. Diese Taktik kann an jedem Demagogen studiert werden.
Für Haider und die FPÖ gilt: Ausländer sind kriminell, Politiker (außer den eigenen) korrupt, Beamte faul usw. Wenn Haider keine Vereinfachung macht, kann er nicht polarisieren, und sein Welt-Bild bleibt eine leere Hülle, - ein bloßes Ideen-Gespinst, das sich mit konkreten Menschen nicht auffüllen läßt.
Polarisierung und Vereinfachung bedingen einander. Polarisierung bedeutet das Ansprechen negativer Gefühle, das Aktivieren von Ängsten. Sind die Zuhörer in diesem Zustand, dann gelingt es erfolgreichen Demagogen sogar, den Zuhörern ein Programm zu verkaufen, das sie selbst schädigen kann.
Das obige Zitat ist Teil einer Debatte, wo Haider eine deutliche Reduzierung des Arbeitslosengeldes fordert. Haider sagt nicht:
"Liebe Leute, Arbeitslosigkeit ist kein Spaß. Wer arbeitslos wird, hat meist große Schwierigkeiten, er kommt mit seinen Zahlungen in Verzug, die Ehe kann darunter leiden, sein Selbst-Wert ist gestört. Auch ihr, meine lieben Zuhörer könnt einmal arbeitslos werden, wie die Statistik zeigt. Für diesen Fall bin ich für einen kräftigen Sozial-Abbau. Ich bin dafür, dass Euch dann das Arbeitslosengeld um soundsoviel Prozent gekürzt wird."
Haider und die FPÖ wählen eine andere Strategie, die die tatsächlichen Wirkungen ihrer Forderungen verschleiert. Die Bevölkerung wird in GUTE und in BÖSE eingeteilt. Die Zuhörer - gefangen in negativen Gefühlen - glauben, bei den GUTEN zu sein, die von den BÖSEN bedroht sind. "Bedrohte" und "Bedroher" sind vertauscht. Nicht die Zuhörer, DIE WIR ("der kleine Mann") sind von einem drastischen Einkommensverlust bei einer möglichen Arbeitslosigkeit bedroht, sondern die Arbeitslosen, DIE ANDEREN, bedrohen UNS, weil sie auf UNSERE Kosten leben. Die Forderung nach Kürzung der Arbeitslose betrifft nur DIE ANDEREN, aber nicht UNS, DIE WIR. Sie ist ein Akt der Gerechtigkeit. Es geht um "Gleichberechtigung", um die Herstellung eines gerechten Zustandes zwischen UNS und DEN ANDEREN. Sie trifft die FEINDLICHE Gruppe, nicht UNS.
DIE WIR sind eine Erfindung
Dies bedeutet auch, dass DIE WIR eine erfundene Gruppe sind. Es gibt keine WIR, in der Art, wie Demagogen das predigen. Um beim Beispiel der Arbeitslosen zu bleiben: Arbeitslosigkeit ist für die meisten ein vorübergehender Zustand, der in vielen Fällen kurz dauert. Im Haiderschen Menschen-Katalog müßten Arbeitslose, die wieder beschäftigt sind, auf wunderbare Weise ihren Charakter ändern: als Arbeitslose sind sie faul und dumm, sie gehören zu DEN ANDEREN. Als Beschäftigte sind sie fleißig und intelligent. Sie gehören zu DEN WIR. Als Demagoge ist es für Sie nicht klug, solche Überlegungen öffentlich anzustellen. Behalten Sie das für sich. Sprechen Sie öffentlich nur in eindeutigen Bildern.
Muster 10: Ihre Ziel Gruppe gehört immer zu DEN WIR.
Haider definiert seine WIR je nachdem, vor welchen Zuhörern er spricht. Im allgemeinen sind DIE WIR die jeweiligen Zuhörer. Wenn er vor Arbeitern der Verstaatlichten spricht, dann sind die Arbeiter DIE WIR. Wenn er vor anderem Publikum spricht, dann befinden sich genau dieselben Arbeitern - welch ein Zauber! - in der Gruppe DER ANDEREN:
Vor Donawitzer Arbeitern wettert Haider "gegen die Politik des Zusperrens" durch die Bundesregierung und beteuert sein Anliegen, die Arbeitsplätze in diesem Gebiet sichern zu wollen. Nur wenig später schlägt er vor einem anderen Publikum vor, "zum Zweck der Samierung der Verstaatlichten das Werk Donawitz zu schließen."
DIE WIR sind eine Erfindung, ein Märchen, eine Fiktion. DIE WIR sind keine Menschen, DIE wirklich existieren. DIE WIR sind das Kunst-Produkt "idealer Menschen": sie sind ausschließlich "brav", "arbeitsam", "bürgerlich", "modern", "tüchtig" . DIE WIR haben nur positive Eigenschaften. DIE WIR sind Menschen ohne Zwiespalt, Schuld oder Schatten-Seite. In der Gruppe DER WIR gibt es keine Konflikte, keine Spannungen, keine Probleme.
DIE WIR sind eine homogene, gleichartige Masse ohne Unterschiede. Alle, die sich hier zugehörig fühlen, sind WIR, bedroht von DEN ANDEREN, vereint im Kampf gegen DIE ANDEREN. DIE WIR sind das Propaganda-Konstrukt erfolgreichen demagogischen Denkens. DIE WIR sind eine reine Erfindung.

Nachdenk-Übung
Welche Vereinfachungen werden gemacht, wenn Haider von
"den braven Bürgern",
"den Leuten, die sich anstrengen"
"den kleinen Leuten"
"den Inländern"
spricht?
Starres Schema, flexible Anwendung
Im sozialen Dschungel kann jeden Moment Neues entstehen. Alles unterliegt dem Wandel. Pflanzen blühen und verdorren, ein Unwetter zieht vorüber, die Sonne bricht hervor und unerwartet tritt eine Dürre auf.
Ein starres Welt-Bild mit erfundenen Gruppen kann in einem sich andauernd ändernden System nur überleben, wenn DIE WIR und DIE ANDEREN flexibel definiert werden. Die FREUNDE von heute können die FEINDE von morgen sein und umgekehrt. Wer heute bei DEN WIR ist, kann morgen bei DEN ANDEREN sein, und DIE gestrigen ANDEREN sind DIE heutigen WIR, wenn es darum geht, eine neue Ziel-Gruppe zu umwerben oder ein taktisches Manöver zu machen.
Muster 11: Ordnen Sie - je nach Situation - Personen und Gruppen flexibel zu DEN WIR und DEN ANDEREN zu.
Erfolgreiche Demagogie verlangt hohes taktisches Geschick. Permanent muß die Grenze zwischen DEN WIR und DEN ANDEREN neu gezogen werden. Immer ist die Welt eine zweigeteilte Welt mit einer klaren Grenze. Die Grenzziehung von gestern interessiert heute nicht.
Dieser Anpassungs-Prozeß verlangt eine autoritäre Instanz. Es gibt keinen Sinn, andauernd Abdarüber zu diskutieren, ob einer DER WIR zu einem ANDEREN gemacht werden soll, und umgekehrt. Eine solche Diskussion würde das Realitäts-Erschaffungs-Spiel empfindlich stören. Im Idealfall wird die Entscheidung autoritär getroffen, am besten von einer einzigen Person, einen Leader, einen Führer, einen Guru: den SUPER-WIR.
Der SUPER-WIR
Ein demagogisches Welt-Bild besteht nicht nur aus DEN WIR und DEN ANDEREN, sondern noch aus einer weiteren Person, dem Demagogen selbst. Im zweigeteilten Welt-Bild ist eine Erfindung versteckt, die von großer Bedeutung ist. Sie ist die eigentliche Pointe für den Demagogen. Sie treibt ihn an und verleiht ihm Kraft: die Rolle, die er sich selbst zuschreibt, die Rolle des SUPER-WIR.
Muster 12: Geben Sie sich selbst die Rolle des SUPER-WIR.
Die Erfindung eines SUPER-WIRs ist kein Nebenprodukt demagogischen Denkens. Sie ist unabdingbar, auf sie kann nicht verzichtet werden. Demagogie lebt von scheinbarer Klarheit, von einem einfachen Bild von der Welt. Sie verlangt die Illusion einer exakten Grenze zwischen DEN WIR und DEN ANDEREN für jeden Augenblick. Zu diesem Zweck muß eine Instanz oder eine einzelne Person zu einer Über-Instanz, einer Über-Person aufgebaut werden. Dieser Instanz oder dieser Person wird die Macht eingeräumt, die exakte Grenze zwischen DEN ANDEREN und DEN WIR zu definieren.
Demagogie lebt vom Führen, von einer Führungs-Gruppe oder einem Führer: eine Person, die sich selbst als SUPER-WIR denkt und als SUPER-WIR verkauft. Die Instanz des SUPER-WIRs ist die logische Folge des Kunstprodukts DER WIR. DIE WIR, eine Gruppe nicht-existierender Menschen, die ausschließlich GUT sind, bedingen einen SUPER-WIR, eine nicht-existierende Person, die SUPER-GUT ist. Alles, was für DIE WIR gilt, gilt in noch höherem Maße für den SUPER-WIR. Der SUPER-WIR ist der übersteigerte WIR, ihr Prototyp, ihre Essenz. Wahre Demagogen schreiben sich diese Rolle selber zu.
Ein solcher Demagoge definiert sich als jemand, der über allen anderen Menschen steht, dem besondere und überragende Eigenschaften zukommen, dem man alle Macht anvertrauen soll. SUPER-WIR verkörpert die Hoffnung DER WIR, ihre Sehnsucht nach Befreiung, ihr Wunsch nach GUT-Sein, ihren Haß auf DIE ANDEREN, ihre Hoffnung auf den Endsieg. SUPER-WIR ist der Rebell, der Held, der Befreier, der Messias. SUPER-WIR ist die Verkörperung einer Sehnsucht nach Erlösung.
SUPER-WIR ist die Personifikation der Gefühle DER WIR. SUPER-WIR ist ein Schau-Spieler, der dem Publikum zwei Arten von Gefühlen vor-spielt: Ohn-Macht und Größen-Wahn. SUPER-WIR ist der Gefühls-Manager seiner Gefolgschaft. Er aktiviert die Ängste und Bedrohungs-Gefühle des "kleinen Mannes" und zugleich seine Hoffnung und Größen-Phantasien. SUPER-WIR spielt andauernd diese beiden Rollen, Kleinheit und Größe sind seltsam vermischt. In der Größen-Rolle ist SUPER-WIR der bejubelte Held, der DENEN DA OBEN, den Chefs, den Vorgesetzten, den Lehrern, den Macht-Habern, endlich einmal seine Meinung sagt. SUPER-WIR handelt stellvertretend für den "kleinen Mann". Er macht das, was der "kleine Mann" nicht tut: gegen Ungerechtigkeiten aufzustehen, auf den Tisch hauen und reinen Tisch machen.
SUPER-WIR ist SUPER-GUT
SUPER-WIR ist das Idol DER WIR. Er vereinigt und bündelt alle Eigenschaften, die den fiktiven WIR zugeschrieben werden. SUPER-WIR ist ein Exzess von GUTHEIT. SUPER-WIR ist SUPER-GUT.

Muster 13: Für SUPER-WIR nur die besten Eigenschaften
Bleiben Sie nicht auf halben Wege stecken! Schreiben Sie sich selbst die besten Eigenschaften zu, die Sie ausdenken können.
In einem Land mit einer religiösen Tradition, wie in Österreich, ist das höchste an GUT mit Gott, mit dem Heiligen verbunden. Als SUPER-WIR steht es Ihnen zu, sich in Ihrem Image mit dem Religiösen zu umgeben. Verwenden Sie für Ihre Wahl-Werbung religiöse Symbole, sprechen Sie unterschwellige religiöse Gefühle an!
Haider als der österreichische SUPER-WIR präsentiert sich als "Beschützer des kleinen Mannes", als "Anwalt der Ohn-Mächtigen". Im Wahlkampf 1995 hat Haider für sich die Rolle des "Schutzpatrones" reklamiert. Ein Schutzpatron ist eine religiöse Figur, ein Wesen nicht von dieser Welt. Ein Schutzpatron schwebt über den anderen Menschen. Von oben sieht er herab, segnet sie und seine Schutz-Befohlenen blicken hoffnungsvoll zu ihm auf.
Im Wahlkampf 1999 läßt Haider sich mit einem Heiligenschein plakatieren:
"Er läßt farbige Lichtschimmer hinters Haupt setzen oder das Licht auf den Kopf aufglänzen. Und er trägt auf manchen Fotos weiße Unterleiberln. Die blitzen unter dem Kragen heraus und eine Erinnerung an das Kolar des katholischen Priesters steigt auf. Jedenfalls für alle, die auf katholische Priester dressiert sind. Und das sind doch die meisten Österreicher. Immer noch" (Marlene Streeruwitz)
Die Rolle des SUPER-WIR ist ein harter Job. Sie verlangt eine andauernde Image-Pflege und kann glaubwürdig nur von einer Person gespielt werden, die an diese Rolle glaubt. Der reale SUPER-WIR ist jemand, der den SUPER-WIR nicht nur spielt, sondern sich selbst für SUPER-WIR hält.
Haider wendet große Mühe darauf, sich als Superman, als Held mit dem Image von Fitness und Unzerstörbarkeit zu präsentieren. Ein guter Teil von Haiders Wirkung beruht auf diesem sorgsam gepflegten Image. Haider ist auf sein Äußeres äußerst bedacht. Peter Pelinka hat ihn einmal so angetroffen: "Schwarze Lederjacke, blaues Jeanshemd, weißes T-Shirt, Blue Jeans, hellbraune Stiefletten. Alles jeweils vom Feinsten, genau aufeinander abgestimmt."
Haider präsentiert sich gerne mit seinem Porsche und schwebt zu Wahlkampf-Veranstaltungen mit dem Hubschrauber nieder. Aus Interviews weiß man, dass Haider von seiner Anhängerschaft idealisiert und überhöht wahrgenommen wird. Seine Anhänger sehen in Haider nicht einen realen Menschen, einen Menschen mit Fleisch und Blut, mit Fehlern und Schwächen. Haiders Anhänger sehen Haider nicht, wie Haider wirklich ist. Sie sehen ein Idol, eine Kunstfigur, einen Pop-Star, einen Menschen, den es nicht gibt: den SUPER-WIR.
SUPER-WIR als Kontrast-Figur
Ein Marken-Zeichen demagogischer Propaganda ist die Gegenüberstellung von GUT und BÖSE. Ein demagogischer Politiker positioniert sich in krassem Gegensatz zu den ANDEREN Politikern. Diese sind SUPER-BÖSE. Sie müssen verspottet, herabgesetzt und der SUPER-GUTHEIT gegenübergestellt werden.
Muster 14: Propagieren Sie ein Selbst-Bild in Kontrast zu DEN ANDEREN.
Beispiele anführen.
SUPER-WIR steht außerhalb
SUPER-WIR steht außerhalb der Welt DER WIR und DER ANDEREN. SUPER-WIR nimmt eine Außen-Position zum politischen System ein. Er ist kein Teil des politischen Systems, weil er über das System insgesamt richtet. Er und nur er allein erkennt den Kampf zwischen DEN WIR und DEN ANDEREN. Er alleine hat den notwendigen Durch-Blick. SUPER-WIR scheidet die Schafe von den Böcken, DIE WIR von DEN ANDEREN.
SUPER-WIR wacht darüber, wie konkrete Menschen zu fiktiven WIR oder zu fiktiven ANDEREN gemacht werden. Jede Einteilung, die er macht, ist immer richtig. Sie kann sich allerdings über Nacht ändern, ist aber egal wie unternommen im jeweiligen Augenblick immer richtig. Wenn FEINDE zu FREUNDEN oder FREUNDE zu FEINDEN werden, dann muß man im gleichen Augenblick die Sprache, mit der man über sie redet, verändern.
Muster 15: Geben Sie SUPER-WIR eine Außen-Position
SUPER-WIR ist nicht von dieser Welt. SUPER-WIR ist allen anderen Menschen, DEN WIR und DEN ANDEREN, entrückt. Als jemand, der außerhalb steht, ist er auch frei, sich seine eigenen Spiel-Regeln zu geben. Seine Meinungen, egal in welcher Form er sie vorbringt, sind immer SUPER-GUT. Andere Meinungen sind immer SUPER-BÖSE: sie sind "Greuelpropaganda," "Meinungsterror", "Gehirnwäsche" und "Psychoterror".
Übliche Umgangsformen gelten für einen SUPER-WIR nicht. Haider darf z.B. anderen Parteien Mord-Absichten unterstellen, wie im Zusammenhang mit den Brief-Bomben im Oktober 1995 oder dem Staatsoberhaupt Hochverrat vorwerfen, wie im Februar 2000. SUPER.WIR ist gegen Kritik aus den eigenen Reihen immun. Kritik von Parte-FREUNDEN ist Hochverrat. Sie wird in der Regel mit Partei-Ausschluß geahndet.
SUPER-WIR ist unfehlbar
Weil Haider außerhalb steht, setzt er auch die Maßstäbe, mit denen andere Menschen beurteilt werden. DIE ANDEREN werden von Haider, dem SUPER-WIR, mit einem Perfektions-Anspruch überzogen. Egal was sie tun, es ist immer BÖSE. Haider legt übertriebene, fast irreale Maßstäbe an DIE ANDEREN. Weil er außerhalb steht, gelten diese Maßstäbe für ihn nicht. Der irreale SUPER-WIR ist nicht an die irrealen Maßstäbe gebunden, die er selbst für die irrealen ANDEREN aufstellt. SUPER-WIR ist die einzige Person, die immer und jederzeit GUT ist. Jede andere Person kann zum Feind, zum ANDEREN werden.
Muster 16: Sie sind unfehlbar. Geben Sie einmal einen Fehler zu.
Haider ist ein privilegierter Berufs-Politiker. Er nimmt ganz selbstverständlich Privilegien in Anspruch, die er an anderen anprangert:
"Jörg Haider, Autoliebhaberm kämpft unter Verwendung von Bescheidenheitsappellen um eine Luxus-Karosse. Dem Oberstkärntner steht wie allen Landeshäuptlingen neben seinem vom Land bezahlten Dienstwagen ein zweites, vom Bund finanziertes Gefährt zu."
Haiders Image als "Sauber-Mann" ist das Ergebnis einer Rhetorik, seiner andauernden verbalen Ausfälle gegen andere Politiker, nicht seiner Praxis, wie er wirklich agiert. Werden Haider Privilegien nachgewiesen, z.B. dass er auch hohe Abfertigungen kassiert hat, dann ist Haider schnell mit Um-Interpretationen zur Hand. Abfertigungen für Haider haben nichts mit einem "Privilegiensumpf" zu tun. Sie sind im Gegenteil ein Versuch des BÖSEN "Systems", ihn, SUPER-WIR, zu schädigen:
"Wenn es sich herausstellt, dass ich der einzige Politiker bin, dem unter solchen Umständen eine Abfertigung ausbezahlt wurde, dann muß ich annehmen, dass man mich kurz vor der Landtagswahl in Vorarlberg in Mißkredit bringen wollte."
SUPER-WIR ist eben kein "Privilegienritter", - egal, was er tut.
"Privilegienritter" sind Personen mit folgenden Merkmalen: es sind ANDERE (und nur ANDERE), die privilegiert sind und gesetzliche Möglichkeiten für ihren eigenen Vorteil ausnützen.
Haider fäält nicht in diese Kategorie. Er ist zwar in vieler Hinsicht privilegiert. Er besitzt einen Grundbesitz von 1565 Hektar, 1989 auf 120 Millionen Schilling geschätzt. In einem Jahr hat er dafür nur 14 Schilling Vermögenssteuer bezahlt. Dies war lediglich, so meint er:
"eine legale Ausnutzung steuerlicher Bestimmungen. Ich bin Opfer einer politischen Aktion. Bei dem ganzen wird ja nur der Neidkomplex geschürt."
Und Heide Schmidt, damals noch Her-Masters-Voice, zu diesem Vorwurf:
"Ich weiß schon, dass es so aussieht, als wäre das geschönt. Aber er hat nur alle gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. Darin kann doch nichts Böses liegen".
Wenn SUPER-WIR gesetzliche Möglichkeiten ausnützt, so kann das nicht BÖSE sein, weil nur DIE ANDEREN BÖSE sind. Dass DIE ANDEREN BÖSE sind, erkennt man daran, dass sie privilegiert sind und dass sie gesetzliche Möglichkeiten ausnützen. Wenn SUPER-WIR dies tut, ist dies nicht BÖSE, weil SUPER-WIR kein ANDERER ist. SUPER-WIR ist außerhalb der Norm. Er kann nicht BÖSE sein, weil er selbst (und nur er) darüber entscheidet, wer zu DEN WIR und wer zu DEN ANDEREN gehört.
Haiders Welt-Bild beinhaltet einen Frei-Spruch für alles, was Haider tut. In seinem Welt-Bild lebt Haider in einem andauernden Frei-Spiel.
Sünden-Böcke braucht das Land
SUPER-WIR hat eine wichtige Aufgabe. Er muß Ängste ansprechen und die Schuldigen benennen. Weil SUPER-WIR über ein erfundenes Bild von der Welt verfügt, kann er nicht von (komplexen) ursächlichen Faktoren, sondern nur von konkreten persönlichen Schuldigen sprechen. SUPER-WIR ist der Schuld-Zuschreiber der Nation. Jedes Problem beruht auf Schuld, seine Ursache sind Personen, die sich schuldig gemacht haben. Dazu müssen Sünden-Böcke erfunden werden - eine uralte und vielfach bewährte Denk-Figur.
Muster 17: Erfinden Sie Sünden-Böcke.
Sünden-Böcke sind eine wunderbare Erfindung. Man kann mit ihnen jedes Problem erklären:
Budgetkrise? angefeindet?
Frage
Antwort aus einem demagogischen Welt-Bild
Warum gibt es Arbeitslose?
Weil die Ausländer den Inländern Arbeitsplätze wegnehmen.
Warum gibt es zu wenig Wohnungen?
Weil die Ausländer den Inländern die Wohnungen wegschnappen.
Warum gibt es eine
Weil es zu viele Sozialschmarotzer gibt, weil es zu viele Privilegien gibt,
Warum gibt es viele Gewalt-Verbrechen?
Weil es zu viele Ausländer gibt, weil es die internationale Mafia gibt, weil die Politiker zu ausländerfreundlich sind,
Warum habe private Firmen Schwierigkeiten?
Weil es zu viele Bestimmungen und Kontrollen durch den Staat gibt, weil das Arbeitsrecht die Betriebe knebelt, weil die Lohnnebenkosten zu hoch sind,
Warum wird Haider so
Weil er so mannhaft die Interessen des "Kleinen Mannes" vertritt, weil DIE ANDEREN DA OBEN Angst um ihre Privilegien haben,
Warum gibt es den Brief-Bomben-Terror?
Weil ausländische Geheim-Dienst Österreich destabilisieren wollen, weil (so der Verdacht) die Regierung das inszeniert, um von ihren Mißerfolgen abzulenken,
Denksport-Training:
Denken Sie an ein beliebiges Problem, das politisch wichtig ist. Formulieren Sie das Problem in eine Warum-Frage um. Geben Sie darauf eine richtige Antwort aus dem demagogischen Welt-Bild.
Trainieren Sie sich darin, komplexe soziale Probleme in Schuld-Zuweisungen an ANDERE zu übertragen. Akzeptieren Sie keine anderen Erklärungs-Muster.
Ausländer: die idealen Sünden-Böcke
Ausländer sind die idealen Sünden-Böcke für zeitgemäße Demagogie. Sie kombinieren in geeigneter Weise DIE DA DRAUSSEN mit DENEN DA UNTEN. Die Ausländer, die im Inland leben, sind die perfekten ANDEREN schlechthin. Sie sind vollkommen SUPER-BÖSE.
" zu uns kommt der ganze Abschaum, die zu Hause nicht arbeiten wollen, die kommen zu uns und wollen hier auf unsere Kosten gut leben."
Haider und die FPÖ vermitteln drei große Botschaften über die Ausländer:
Ausländer sind kriminell:
Ausländer nehmen Österreichern den Arbeits- und Wohnplatz weg und
Ausländer werden durch das österreichische Sozialsystem privilegiert.
Haider wendet in allen Fällen seine Strategie der Vereinfachung an. Bewußt werden einzelne Ausländern herausgenommen und für alle Ausländer generell gesetzt.
Die sogenannten Fakten sprechen eine andere Sprache:
Die Kriminalität der Gastarbeiter ist um ein Drittel kleiner als die der Inländer. Haiders WIR, die Inländer, sind krimineller als die Ausländer, DIE ANDEREN! Dazu kommt, dass sich die Kriminalität der Ausländer in der Regel gegen Ausländer und nicht gegen Inländer richtet. Ausländer pauschal als kriminell zu bezeichnen, ist ein gutes Beispiel für die Opfer-Täter-Umkehr (Muster 31): die Gastarbeiter sind durch die Kriminalität der Inländer mehr bedroht als die Inländer durch die Kriminalität der Gastarbeiter. DIE WIR bedrohen DIE ANDEREN mehr als DIE ANDEREN DIE WIR bedrohen.
Ausländer sind am österreichischen Arbeitsmarkt schwer benachteiligt. Ausländer, die neu einreisen, bekommen keine Beschäftigungsbewilligung ad personam: die Bewilligung wird auf die Firma ausgestellt. Die Firma muß nachweisen, dass sie für den freien Arbeitsplatz keinen Inländer finden kann. Ausländer müssen vor den Inländern gekündigt werden. Sie müssen mindestens fünf Jahr in einem Bundesland tätig sein, damit sie in anderen Bundesländern auf Jobsuche gehen dürfen. DIE WIR sind am Arbeitsmarkt privilegiert, DIE ANDEREN sind unterprivilegiert.
Die Ausländer, die in Östereich leben, sind Netto-Einzahler in das Sozialversicherungs-system: sie zahlen in Summe mehr ein als sie bekommen, der Vorteil liegt bei den Inländern. Zwischen 1980 und 1990 blieben allein der Arbeitslosenversicherung rund sechs Milliarden Schilling Reingewinn aus den Beiträgen der Ausländer. Das Sozialversicherungs-System, das hier Haider anprangert, ist ein Mittel zur Umverteilung von Ausländern zu Inländern. DIE ANDEREN finanzieren DIE WIR.
All diese "Fakten" haben für Sie als Demagoge keinerlei Bedeutung. Sie wissen ja, wie selbsternannte Experten im Solde DER ANDEREN Statistiken manipulieren. Sie glauben mit Inbrunst an Ihr erfundenes Welt-Bild. Eine gedankliche Erfindung in Widerspruch zur Wirklichkeit - brauchen sich niemals um "Fakten" kümmern. Seien Sie skeptisch zu allen "Informationen", die einen Widerspruch suggerieren.
Haider Zitat
Der Verkauf des Welt-Bildes
Als Demagoge ist es Ihre Pflicht, das einfache Bild von der zweigeteilten Welt Ihrem Publikum zu predigen. Sie müssen Ihre Zuhörer überzeugen, daß Ihr Modell keine Erfindung, sondern >Realität< ist. Es geht also den "Beweis" einer abstrakten Theorie, - darum, daß Ihr Bild (in dem ein SUPER-WIR versteckt ist) >objektiv< richtig ist.
Im sozialen Dschungel erscheint diese Aufgabe unlösbar: wie will man jemanden allen Ernstes weismachen, dass es nur zwei Arten von Pflanzen gibt?
Verzweifeln Sie nicht: ein Teil der Bevölkerung denkt bereits auf Ihre Weise. Sie müssen lediglich vorhandene Vorurteile, Ressentiments, Ängste, Halbwissen auf kraftvolle Weise zum Ausdruck bringenund in eine Geschichte kleiden.
Die Methode ist einfach:
Muster 18: "Beweisen" Sie Ihr Welt-Bild durch (erfundene) Einzel-Fälle.
Demagogen sind begnadete Märchen-Erzähler. Sie erläutern Ihre Botschaft gern an anschaulichen Geschichten. Sie greifen einzelne Personen aus der FEIND-Gruppe heraus und stellen Sie exemplarisch für die gesamte Gruppe an den Pranger. Konkrete Personen dienen als "Beweis", dass das abstrakte Welt-Bild >wirklich< stimmt.
Die Konstruktion eines "Beweises" erfolgt in zwei Schritten:
Kochrezept zur Konstruktion eines Privilegien-Falles
hier am Beispiel der behaupteten Privilegien der Ausländer.
Man nehme einen Ausländer, der Zahlungen aus dem Sozialsystem bezieht und berechne daraus ein möglichst hohes Einkommen.
MERKE: Die Zahlen die hier präsentiert werden, dürfen frei erfunden sein. Sie sind meist schwer oder nicht überprüfbar. In Zweifelsfällen kräftig nach oben runden!
Man erkläre dieses Einkommen als Privileg von Ausländern. Man verschweige vornehm, dass auch Inländer aus diesen Titeln (z.B. Pflegegeld, Trennungszulagen) Zahlungen beziehen.
MERKE: Es geht um die Konstruktion plakativer "Fälle", nicht um Aussagen zu komplizierten arbeits- oder sozialrechtlichen Bestimmungen (die ohnehin niemand versteht).
Man stelle das hohe Einkommen einer völlig anderen Gruppe von Inländern gegenüber, die weit weniger Einkommen beziehen.
MERKE: Die Ausländer in Österreich verdienen im Durchschnitt deutlich weniger als die Inländer. Die Hetz-Botschaft kommt nur an, wenn billige Äpfel aus dem Ausland mit teuren Birnen aus dem Inland verglichen werden.
Man präsentiere diese Gegenüberstellung zum geeigneten Zeitpunkt als "Beweis" für die Berechtigung der eigenen Ausländer-Hetze.
MERKE: Es geht um Stimmungsmache, nicht um "Fakten".
Muster 19: Vergleichen Sie die Äpfel DER WIR mit den Birnen DER ANDEREN.
Dieser Vergleich macht Sie und Ihre Zuhörer sicher!
Ein Beispiel für die Umsetzung dieses Kochrezeptes.
Ende September 1995 war der FPÖ-Parteitag in Oberösterreich. Der Spitzenkandidat, Hans Achatz, wollte das Publikum auf den nächsten Landtags-Wahlkampf einstimmen. Dazu diente in bewährter Manier ein ganzseitiges Inserat in der "Neuen Kronenzeitung" (Oberösterreich-Ausgabe vom 24.9.1995). Auf dieser Seite wurde eine Reihe von "Fakten" präsentiert, die sich dadurch auszeichnen, dass sie samt und sonders fragwürdig, halbwahr oder erwiesenermaßen falsch sind. Unter anderem wurden in einem umrahmten Fenster die "Pensionen" von Ausländern angeprangert, die auch aus Pflegegeldern stammen. Als abschreckende Beispiele wurden drei Personen aus Ex-Jugoslawien genannt.
Bemerkenswert ist die Auswahl, die hier getroffen wurde. In Oberösterreich bezogen zu diesem Zeitpunkt rund 55.000 Personen Pflegegeld, 6900 von wurden vom Land Oberösterreich ausbezahlt. Davon waren gezählte 144 Personen ausländischer Herkunft. Von diesen 144 sind 73 aus Deutschland, 19 aus Ex-Jugoslawen, 15 aus der Türkei, fünf aus Ungarn und zwei aus Polen. Die 73 Personen aus Deutschland sind für eine Ausländer-Hetze ungeeignet: Deutsche kann man nicht als ANDERE bezeichnen! Sie scheiden als "Fälle" aus. Es bleiben also noch 71 Personen übrig. Die zugkräftigstese Gruppe für DIE ANDEREN waren zu diesem Zeitpunkt Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Von diesen 19 Personen wurden drei als "Fall" präsentiert, darunter ein pflegebedürftiges Ehepaar.
Im Original liest sich diese aussagekräftige Dokument so
(rechts der Originaltext, links einige Prozeß-Elemente):
Tatsächl. Pension 350,- Ausgleichszahlung 10.000.- Pflegegeld 8.300.- minus Krankenvers. 361.- Macht pro Monat 18.244,- Seine Frau erhält zusätzlich 5.000.- Pflegegeld. "eine Kürzung der Ausgaben um 50 % bzw. eine Senkung der Sozialhilfesätze um 20 %."
Pensionen, von denen viele Österreicher nur träumen können!
Für Resolutionen über bessere Pensionszahlungen sind SPÖ und ÖVP nicht zu haben, aber bei haarsträubenden Pensionsskandalen sehen sie zu!
Ausländer, die nur wenige Monate bei uns gearbeitet haben, bekommen an die 20.000 Schilling "Pension" und bilden nicht einmal mehr "Einzelfälle"
OÖ. Pensionistenpaare mit 7.700 Schilling, Hausfrauen und Mütter ohne eigenem Einkommen müssen sich verhöhnt fühlen. Unser System krankt, wir zeigen es Ihnen:
Geraki P., 56 Jahre alt, aus Ex-Jugoslawien, seit 1992 hier, hat 16 Monate bei uns gearbeitet und erhält:
Achatz: "Die Politik muß sich ändern. Es darf nicht sein, dass Inländer nach jahrzehntelangem, fleißigem Arbeiten weniger bekommen als Ausländer, die hier nur kurze Zeit Beiträge entrichtet haben."
Im Begleittext fordert Landesrat Achatz:
Ein Redakteur der "Oberösterreichischen Nachrichten" hat sich der Mühe unterzogen, diesen "Fall" auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Als "ganze Wahrheit" berichtete er zehn Tage später:
Der Pensionsanspruch besteht aus einem zwischenstaatlichem Abkommen, wovon auch umgekehrt Österreicher profitieren. Der Mann hat in seiner Heimat ein ganzes Leben gearbeitet und es auf mehr als 300 Versicherungsmonate gebracht. Er ist 1991 legal aus Kroatien eingereist und besitzt eine befristete Aufenthaltsgenehmigung bis September 1996. Nach eineinhalb Jahre Arbeit in Österreich erkrankte er schwer und ist heute fast blind. Seine Frau sitzt im Rollstuhl, das Ehepaar wird von Verwandten betreut. Laut Auskunft der Pensionsversicherungsanstalt der Arbeiter sind die genannten Beträge "schlicht falsch". Die angeführten Pflegegeldsätze gibt es nicht: "wir haben gerundet", räumt das Achatz-Büro ein.
Ein blindes und ein lahmes Ehepaar: das sind die Leute, die DIE WIR bedrohen!
Umgang mit Zahlen
Dieses Beispiel illustriert, wie ein Demagoge mit Zahlen umgeht. Fakten, Zahlen, Daten, Statistiken haben im demagogischen Welt-Bild keine Bedeutung. Erfindungen benötigen keine Empirie. Dieser Befund eröffnet Ihnen ein ungeheures Betätigungs-Feld. Machen Sie sich frei von "empirischen Beweisen". Man kann sie vernachlässigen. Überwinden Sie die Wirklichkeit. Seien Sie kretaiv!
Muster 20: Ignorieren Sie Statistiken, erfinden Sie Zahlen.
Beispiele für dieses Muster:
Im Tiroler Wahlkampf behauptete Haider: "350.000 illegale Ausländer befinden sich im Land" . Nach Schätzungen des Innenministeriums waren es 100.000.
Am "Runden Tisch" mit Bundeskanzler Vranitzky 1994 behauptete Haider: "Die Regierung hat beschlossen, 34.000 Zuwanderer zuzulassen." Sascharch schreibt dazu: "Die Wahrheit ist: 6.000 der "Zuwanderer" ersetzen nur abwandernde Gastarbeiter, 7.000 sind Saisonarbeiter, die keine Chance haben, "zuwandern" zu dürfen, bei 11.00 handelt es sich um in Österreich geborene Kinder, die hier aufgewachsen sind und nach ihrem Schulabschluß in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden. Bleiben 11.000 übrig, für die - oft nach langer Wartezeit - Genehmigungen für die Familienzusammenführung erteilt wurden."
1990 entwickelte Haider folgende Horror-Vision für den Fall, dass die Reisefreiheit in der (damaligen) Sowjetunion eingeführt werde, - was ja später auch geschah: "Besonders problematisch - so Jörg Haider - würde es werden, wenn noch die Sowjetunion die Reisefreiheit einführe, dann könnte man sofort mit einem Zuzug von 700.000 ausreisewilligen Sowjetbürgern rechnen. Jörg Haider bezeichnete den Visumszwang als einziges Mittel gegen diese Problematik. Man könne nicht dem ªKriminalitätstourismus´ Tür und Tor öffnen."
Bei einer Wahlveranstaltung in Simmering sagte Haider: "Wo gibt's denn das sonst in Österreich, dass in Volkssschulklassen bis zu 80, 90 Prozent fremdsprachige, ausländische Kinder sitzen, die nicht Deutsch können: Unsere Kinder lernen dann nichts mehr in der Schule, weil der Lehrer überfordert ist." Die Fakten: Wien hatte damals 250 Volksschulen. In keiner Klasse gab es einen Anteil ausländischer Kinder von 90 Prozent, nur an zwei Volkssschulen lag der Anteil von Kindern mit "nichtdeutscher Muttersprache" bei 80 Prozent. Der durchschnittliche Anteil lag bei 30 Prozent. Zum Großteil handelte es sich um Kinder, die in Österreich aufgewachsen waren und ebensogut Deutsch sprechen wie die Inländer.
Das Welt-Bild als "Tatsache"
Demagogische Propaganda konzentriert sich immer nur auf wenige Themen. Diese werden stereotyp wiederholt und mit erfundene oder unrichtigen Zahlen, Zitaten, Einzel-Fällen, garniert. Als Demagoge müssen Sie Ihr erfundenes Welt-Bild als gegebene Tatsache hinstellen. Sie müssen so tun, als ob die Welt tatsächlich aus zwei Teilen bestehen würde.
Haider ist ein Meister in dieser Art von Suggestion. In vielen Interviews kann beobachtet werden, wie Haider bestreitbare Behauptungen als Tatsachen-Informationen hinstellt und von ihnen Schlüsse ableitet, deren Schein-Logik von seinen Interview-Partner oft spontan nicht erkannt und hinterfragt wird. Haider hat durch viele Jahre konsequent mit immer den gleichen Argumenten und ähnlichen "Belegen" sein Welt-Bild propagiert. Ein Teil der Bevölkerung ist seiner Propaganda emotional gefolgt, vermutlich ohne sein Welt-Bild bewußt zu reflektieren. Haiders Taktik ist die stereotype Wiederholung immer gleicher Argumente, die auf die Emotionen eines Teils der Bevölkerung abzielen. Das Ziel dieser Taktik liegt auf der Hand:
"Hundertfach Gehörtes erscheint in der Erinnerung wie Wirklichkeit. hat sich jede wirkungsvolle Propaganda auf nur wenige Punkte zu konzentrieren und diese schlagwortartig so lange zu verwerten, bis sie auch bestimmt der Letzte unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag." (Adolf Hitler)
Themen einer typischen Wahlkampf-Rede von Haider
Ein Beispiel aus dem Nationalrats-Wahlkampf 1995 (am Hauptplatz in Linz)
Haider hat in dieser Rede folgende Themen in dieser Reihenfolge präsentiert:
+ Ausverkauf der Betriebe an das Ausland (Steyr, HTM), + die Krise im Tourismus, + Zunahme der Insolvenzen und Konkurse, + Konkurrenz am Arbeitsmarkt durch ausländische Billigarbeitskräfte aus Portugal, + Vergleich mit "Saustall"-Zitaten von Cap, Busek, Riegler u.a., + der Ausdruck "ausmisten" als "Hoffnung machen" umgedeutet, + die Abfertigungen von Sekyra, Raiffeisendirektoren und Gebarter, + Überstundenbesteuerung, + "Staatskünstler", wie H.C. Artmann, + Abschiebung ausländischer Arbeitsloser ins Ausland, + "DIE ANDEREN machen Angst vor Haider", "Angst müssen die Sozialschmarotzer und Taugenichtse haben", + Voggenhuber-Zitat, seine Wähler seien Faschisten, + die linken Bombenschmeißer in Ebergassing, + "Terroristen" im Parlament, grüne Abgeordnete, + das Gespenst der Angst vor den Freiheitlichen, + "Wortbrüche" durch Vranitzky: keine Steuererhöhungen versprochen, + die Strafsteuer für Frühpensionisten, + Frühpensionist-Fall des Direktors der GKK Salzburg, + der 33jährige Serbe ("Ich habe die Polizeiakte davon") (!), + der 22jährige aus Sri Lanka, der junge Mädchen sexuell belästigt hat (dafür bekam Haider den größten Applaus: der emotionale Höhepunkt der Veranstaltung!), + Forderung nach Aufstockung im Gesundheitsbereich und in der Polizei, + Linz als Drehscheibe der organisierten Kriminalität + Verknüpfung der ausländischen Mafiosi mit den Gastarbeitern, + ein Mann aus Kosovo: Berufung an den Verwaltungsgerichtshof, die Familie bekam bisher 545.779,- Sozialhilfe, + Forderung: Kriminelle abschieben, + Einems Familienzusammenführung bringt zusätzlich 100.000 Kinder und 50.000 Ehepartner, + der Unterricht für zweisprachige Kinder kostet 4,3 Milliarden zusätzlich. + Ja zur Familienzusammenführung, aber durch Abschiebung ins Ausland, + Steuerreform, + Beschimpfung der Gegendemonstranten als "Gesindel, das von Arbeit noch nichts gehört hat", + will "Führungsaufgabe" übernehmen, die Weichen stellen für die "Anständigen und Tüchtigen" + Hieb auf Schüssel, + "Die große Wende": für die "Tüchtigen, Fleißigen und Anständigen".
Was im Welt-Bild keinen Platz hat
Demagogische Politik muß sich notgedrungen auf wenige Themen beschränken, - und zwar genau auf jene, die ein Höchstmaß an Emotionalisierung versprechen. Viele Themen sind zudem für das einfache Welt-Bild nicht geeignet. Sie scheiden als Inhalt demagogischer Propaganda aus.
Muster 21: Reden Sie nicht von Themen, die nicht in Ihr einfaches Welt-Bild passen.
Haider schneidet in der Regel nur wenige Themen an. Viele politische Probleme werden von ihm nicht behandelt.
Beispiele:
Probleme mit Privatunternehmern
Der Staat ist bei Haider korrupt, ineffizient und verschwenderisch. Seine Hauptfunktion scheint in der Versorgung von Protektions-Kinder zu sein. Im Gegensatz dazu werden die privaten Unternehmer positiv beschrieben. Es gibt kaum Probleme, die Privatunternehmer verursachen oder bei denen sie beteiligt sind, wie: Steuerhinterziehung, legale Ausnützung gesetzlicher Bestimmungen (wie dem Druck auf ältere Mitarbeiter, in die Frühpension zu gehen), Steuer-Privilegien, Korruption in und durch Unternehmen, Mißwirtschaft privater Firmen, Fehlinvestitionen privater Großbetriebe, .
"Privilegienritter" und "Bonzen" gibt es im Haiderschen Polit-Theater nur beim Staat nicht in der Privat-Wirtschaft. Der Staat ist für Haider der Hort des Bösen, die Privat-Wirtschaft der Hort des Guten, eine heile Welt. Haider spricht fast nie Probleme an, die private Firmen verursachen.
Einstellungsverhalten von Unternehmungen
Haider kommentiert das Einstellungs-Verhalten von Firmen unterschiedlich. "Vehemente Kritik" übt Haider an der "asozialen Haltung der öffentlichen Hand": "Es werde niemand, der über 40 ist, aufgenommen". Ähnliche Aussagen zum Einstelllungs-Verhalten privater Firmen sind nicht bekannt. Sie passen offensichtlich nicht in sein Welt-Bild.
Die Grund-Regel scheint zu sein:
Was der Staat tut, ist des BÖSEN. Was private Firmen tun, ist des GUTEN.
Arbeitsbedingungen in Unternehmungen
Wenn die privaten Unternehmen als "Problem-Lieferanten" für die Politik ausfallen, dann fallen viele Themen unter den Tisch, die für den "kleinen Mann" von Interesse sein können. Ein Beispiel sind arbeitsrechtliche Bestimmungen am Arbeitsplatz. Haider geißelt die Kontrollen der Firmen durch staatliche Instanzen (wie Finanzamt, Gebietskrankenkasse und Arbeitsinspektorat) mit scharfen Worten, spricht jedoch nicht über die Kontrolle und Abhängigkeit von Beschäftigten in Firmen (das soll es ja auch geben). Private Firmen werden von Haider als Institutionen präsentiert, in denen es keine Konflikte gibt. Die Arbeitsbedingungen von Menschen in privaten Firmen existieren nicht als Thema. Alle in der Firma scheinen in einer harmonischen Kampf-Front gegen staatliche Kontrollen und Parteien-Willkür geeint.
Firmen sind ein weißer Fleck in Haiders politischen Landkarte.
Demokratie-Probleme des Staates
Die FPÖ präsentiert sich als "Erneuerungsbewegung für die Republik und die Demokratie dieser Republik". Der Staat soll von einem "Parteienstaat" zu einem "Bürgerstaat" umgewandelt werden", indem die "fragwürdigen Institutionen" des Staats verändert werden.
Diese Forderungen bleiben bei Haider vollkommen abstrakt. Was "Demokratie" und "Bürgerstaat" wirklich ist, wird nicht gesagt. Umzuwandeln sind nur Teilbereiche des Staates: Kammern, das Sozialversicherungssystem, die Steuergestzgebung, u.a. Es gibt für Haider keine Demokratie-Defizite innerhalb staatlicher Institutionen, wie Schule, Erziehung und Heer. Diese gelten "ihrer Natur nach nicht als demokratisierbar". Der Weg zur "Demokratisierung" des Staates liegt im Machtverlust der "Systemparteien", im Klartext: in der Macht-Übernahme durch die FPÖ.
"Demokratie" ist für Haider eine Frage der Macht im Staate. Sie hat nichts mit den inneren Strukturen staatlicher Institutionen zu tun.
Die Gründe, warum Haider von diesen Problemen kaum spricht, liegen auf der Hand:
Für diese Themen ist in seinem Welt-Bild kein Platz.
Diese Themen stören sein Welt-Bild.
Diese Themen sind als Kritik seines Welt-Bildes geeignet.
Diese Themen widerlegen sein Welt-Bild.
Erinnerungs-Rätsel
Welche politischen Themen fallen Ihnen ein, von denen Haider kaum oder nie spricht?
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