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Heilungsstrategien des Jesus von Nazareth aus NLP-Sicht

Wolfgang Lenk


1. Einleitung

Auf dem großen Kongress „Evolution of Psychotherapy“ 1995 in Hamburg sagte der Direktor der Milton H. Erickson Foundation (USA) Jeffrey Zeig, sinngemäß in seinem Beitrag: Die Psychotherapie habe sich, um sich wirklich fundiert entwickeln zu können, vor etwa 100 Jahren aus der kirchliche Seelsorge gelöst und auf das damals vorherrschende Wissenschaftsmodell gesetzt und sich im weiteren Verlauf dann scharf gegen die Religion abgegrenzt. Das hat die Fülle der heutigen Einsichten in psychische Veränderungsprozesse ermöglicht. Vielleicht sei aber inzwischen die Zeit reif geworden, daß die Psychotherapie mit ihrer speziellen Zugangsweise sich der spirituellen Dimensionen des menschlichen Lebens wieder annehmen könne.

Robert Dilts hat in der NLP-Tradition des Modeling mit NLP-Werkzeuge die Berichte im Neuen Testament über das Wirken von Jesus von Nazareth untersucht und deutlich machen können, daß man viele Textstellen, die vielleicht etwas wunderlich wirken, mit NLP-Konzepten recht gut interpretieren könnte.

Das Neue Testament (Fußnote 1) beschreibt das christliche Verständnis der spirituellen Dimensionen der menschlichen Existenz. Natürlich gab und gibt es sehr verschiedene Interpretations-Modelle, um die im Neuen Testament durch die Jahrhunderte überlieferten Texte über das Wirken von Jesus von Nazareth auszudeuten, im Kontext der jeweiligen Kultur zu verstehen und in Beziehung zu setzen zur eigenen Lebenspraxis. In jüngster Zeit wurden die Handlungen von Jesus von Nazareth auch psychotherapeutisch interpretiert (Fußnote 2).

Im vorliegenden Beitrag:

(1) geht es um die historische Figur oder fiktive Figur im Sinne eines Mythos Jesus von Nazareth und sein im Neuen Testament berichtetes Wirken (Fußnote 3);

(2) ist der methodische Ausgangspunkt die historisch-naive Bibelinterpretation (Fußnote 4);

(3) werden nur einige seiner Heilungsstrategien für die Behandlung einzelner Menschen diskutiert; es wird nicht eingegangen auf „Interventionsstrategien“ für Gruppen und soziale Systeme;

(4) werden einige Heilungsstrategien aus NLP-Sicht interpretiert.


2. Der Ansatz

Das NLP der 90er Jahre hat einige Modelle hervorgebracht, die den subjektiven Erfahrungsraum für die spirituellen Aspekte des Lebens öffnen, z.B. Core Transformation Process (Andreas (Fußnote 5)) oder Aligment Process (Dilts, Fußnote 6). Auf der NLP-Landkarte von der Struktur der subjektiven Erfahrung dieser Welt haben spirituelle Erfahrungen also ihren Ort. So bietet es sich an, NLP als Interpretationsmatrix für einige Textstellen des Neuen Testaments zu nehmen und auf diese Weise dort skizzierte Heilungs-Strategien zu verstehen. Den Texten zufolge richtete Jesus von Nazareth sein Leben und Handeln an der Mission aus, Menschen (in einem umfassenden Sinn) zu heilen und sein Wissen und seine Einsichten in die menschliche Existenz aus diesem Grunde weiterzugeben. In den Geschichten, die er erzählte, in den Antworten, die er auf die vielen Fragen gab, und in den Heilungen, die er laut Bibel vollbrachte, zeigt sich ein sehr differenziertes Menschenbild. Darüber hinaus wird auch ein sehr differenziertes Verständnis davon deutlich, wie Menschen sich ihr Realitätserleben konstruieren. Jesus von Nazareth muß auch so etwas wie eine Krankheitstheorie gehabt haben, denn er hat nicht alle Menschen gleich behandelt, selbst bei gleichen Symptomen, sondern er hat sehr verschiedene Hilfestellungen auf unterschiedlichen Ebenen gegeben. Manchmal erzählte während der Heilung Geschichten, manchmal nicht; manchmal berührte er die Menschen, z.B. an den Augen, manchmal nicht; manchmal stellte er kritische Fragen, manchmal nicht (Fußnote 7). Offensichtlich hat Jesus Heilung als einen komplexen Prozess aufgefaßt, in dem mehrere Aspekte oder mehrere Ebenen involviert sind, die man vielleicht vereinfachend wie folgt systematisieren kann:

  1. ökologische Symptomheilung
  2. Veränderung von Einstellungen und Glaubenssystemen
  3. Sich (im Gebet) Hilfe holen
  4. Sein Leben auf das „Spirituelle“ ausrichten
  5. Sich der „wahren“ Wirklichkeit versichern

3. Schnelle ökologische Symptombeseitigung

Wiederholt wird beschrieben, daß Jesus Symptome schnell kurierte oder in der damaligen Zeit unheilbare körperliche Leiden heilte, so z.B. die Schwiegermutter des Petrus von ihrem Fieber, oder Aussätzige oder von bösen Geistern Besessene von ihren Krankheiten. Aber offenbar verstand er das nicht einfach als „Wegmachen“ des Symptoms, sondern er hatte wohl ein Konzept von dem, was wir im modernen Psychotherapie-Jargon die Ökologie der Veränderung nennen. Das wird deutlich, als er in einer langen metaphernreichen Rede die Frage erörterte,ob er austreibe (die Pharisäer warfen ihm vor, er treibe im Namen des Teufels aus) oder heile.

MATTH,12:43

Wenn der unsauberer Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Da spricht er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie allda; und es wird mit demselben Menschen hernach ärger als es zuvor war!


4. Die Bedeutung von Glaubenssystemen

Viele Heilungsgeschichten haben jedoch einen anderen Fokus: es geht um nicht nur auschließlich darum, von einem körperlichen Leiden zu genesen, sondern wohl vor allem um die Klärung und Festigung produktiver innere Überzeugungen und Einstellungen, um die Schaffung eines konsonanten Glaubenssystems.

4a. „Dein Glaube hat dir geholfen“

So wird beispielsweise Jesus in der Nähe von Jericho von einem blinden Bettler um Heilung gebeten:

LUKAS,18:40

Jesus sprach: Was willst Du, daß ich Dir tun soll? Er sprach: Herr, daß ich wieder sehen möge. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und alsbald ward er sehend.

Jesus hat nicht einfach seine heilenden Hände aufgelegt, wie es in anderen Textstellen der Bibel beschrieben wird, sondern erst etwas gefragt! Möglicherweise, um den „Klienten“ innerlich zu fokussieren, um sein Bewußtsein auf das wichtigere Thema zu konzentrieren. Jesus hat nicht einfach gefragt: was willst du? Sondern: was soll ICH, Jesus, für Dich tun. Und offenbar ohne Zögern, ohne inneren Vorbehalt oder Zweifel – in der modernen Sprache des NLP oder der Hypnotherapie könnte man wohl sagen: kongruent – antwortete der Bettler! Er war also offenbar fest davon überzeugt, daß Jesus die Fähigkeit habe, ihn zu heilen. Es wird nicht berichtet, daß Jesus etwas tat wie beispielsweise die Hand aufzulegen, sondern stattdessen sagte er: Sei sehend! Ich glaube, Jesus setzte die körpereigenen Selbstheilungskräfte voraus und funkionalisierte die Einstellung des Bettlers für dessen eigenes Ziel – in der Sprache der Erickson’schen Psychtherapie könnte man sagen, er utilisierte den Glaubenssatz des Mannes. Und Jesus tat jedoch noch mehr und sagte: DEIN Glaube hat Dir geholfen, so als wollte er dem Bettler durch diese Erfahrung zu einer weiteren Überzeugung verhelfen, nämlich zu dem Glaubenssatz, daß kongruente innere Überzeugungen eine Schlüssel für Heilung und Veränderung sind. Und schließlich wird in dieser Textstelle betont, daß Heilung ein Prozess ist: der Bettler konnte nicht sofort, nicht schlagartig wieder sehen.

In der sozialen Interaktion steckt auch eine interessante Logik. Der Bettler glaubt kongruent an heilende Potentiale, allerdings außerhalb seiner bewußten Körperbeeinflussung, außerhalb seiner bisher bewußten eigenen Möglichkeiten. Es geht aber nicht um Medikamente, Heilkräuter oder etwas ähnliches. Vielleicht kann man die Interaktion deshalb wie folgt interpretieren. Es ist, als würde der Bettler sagen: „Ich glaube an Dich, Jesus, und Deine Fähigkeiten zu heilen“. Jesus nimmt die Botschaft an, und seine Reaktion ist aber, als würde er im Wesentlichen antworten: „Ich wiederum glaube an Dich und Deine Fähigkeiten, dich selbst zu heilen“, eine der Grundhaltungen, die die auch Ericksonianer vertreten.


4b. Das geteiltes Haus

In der oben schon zitierten Rede (MATTH,12:43) sagt Jesus den Pharisäern auch folgendes:

MATTH,12:25

Ein jegliches Reich, wenn es mit sich selbst uneins wird, das wird verwüstet; und eine jegliche Stadt oder Haus, wenn es mit sich selbst uneins wird, kann nicht bestehen.

Für heute verstärkt diskutierten dissoziativen Identitätsstörungen (Multiple Persönlichkeitsstörungen) ist das sicherlich eine passende Metapher. Aber ich denke, sie paßt auch sehr genau auf die Funktion der meist nicht bewußten, inneren Einstellungen (in der Sprache moderner Psychotherapie: Glaubenssätze) eines Menschen. Und da Glaubenssätze die Wahrnehmung, das Fühlen, das Denken und das Handeln regulieren, wird es bei einander widerssprechenden Glaubenssätze leicht zu Problemen kommen. Wie in anderen modernen Psychotherapien geht man auch im NLP davon aus, daß Glaubenssätze ein komplexes kognitiv-emotionales System bilden. Wenn es um einen Heilungsprozess geht und limitierende Glaubenssätze verändert werden, dann kann also die Veränderung eines einzelnen Glaubenssatzes die anderen beeinflußt. Genauer: die Auflösung einer Einschränkung in einem Glaubenssatz eine stärkere Einschränkung in einem anderen nachsichziehen kann. Um dieses manchmal sehr komplexe System in seiner Dynamik einigermaßen zu erfassen, wird bei der NLP-Therapie schwerer Erkrankungen oder hartnäckiger Problemen mit einem fünf-dimensionalen Modell (8) sorgfältig untersucht, ob der Klient wirklich kongruent davon überzeugt ist, daß:

  • a) sein Ziel wünschenswert und lohnenswert ist;
  • b) es potentiell möglich ist, daß Ziel zu erreichen;
  • c) der Weg und die Mittel zum Ziel für ihn ökologisch sind;
  • d) er die Fähigkeiten besitzt, den Weg zu gehen, die Mittel anzuwenden;
  • e) er das Ziel verdient.

Erst wenn all diese Glaubenssätze gleichzeitig kongruent bejaht werden, hat die Heilung, so nimmt man an, gute Chancen. Wenn aber nur einer angezweifelt wird, ist das „Haus uneins“.


4c. „Herr, hilf meinem Unglauben“

In einer anderen Geschichte wird berichtet, daß ein Vater seinen Sohn, der vermutlich epileptische Anfälle hatte, mit der Bitte um Hilfe und Heilung zu Jesus brachte. Während des Gesprächs fiel der Sohn auf die Erde und „wälzte sich und schäumte“. In der dramatischen Situation schrie der Vater:

MARKUS,9:22

Kannst Du aber was, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach: Wie sprichst Du: Kannst Du was? Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Alsbald schrie des Kindes Vater: Ich glaube, hilf meinem Unglau ben.

Offensichtlich glaubte der Mann, daß Jesus die Fähigkeit habe, seinem Sohn zu helfen. Deshalb war er ja gekommen und deshalb sprach er schließlich Jesus an. Jesus hörte aber offenbar den Vorbehalt des Mannes, seinen latenten Zweifel, den anderen widersprüchlichen Glaubenssatz. So als habe der Vater, völlig anders als der blinde Bettler, auch gesagt: vielleicht kannst du ja doch nichts und alle Anstrengungen, um dich aufzusuchen, waren völlig sinnlos und vergeblich. Jesus spiegelte ihm das zurück, brachte den latenten Vorbehalt gewissermaßen ins Bewußtsein und wies ihn auf die Notwendigkeit kongruenter innerer Überzeugungen hin. Offenbar spürte der Vater seinen inneren Widerspruch und machte wie viele heutige Klienten die leidvolle Erfahrung eines tiefen inneren Konfliktes, als würden zwei Glaubenssysteme sozusagen miteinander kämpfen. Und möglicherweise wurde ihm auch bewußt, daß er damit, systemisch gesehen, den möglichen Heilungsprozess des Sohnes behindern könnte, denn er sagte nicht: Hilf wenigstens ihm! Sondern er schrie: Ich glaube, Herr hilf meinem Unglauben.

Diese Aussage gibt eine interessante logisch mentale Konstruktion wieder. Der Vater trifft eine Entscheidung und identifiziert sich mit der einen Seite des Konflikts, statt auf seiner Ambivalenz zu beharren. Er vertraut dem mindestens potentiell eine Lösung ermöglichenden Glaubenssatz, den Jesus ja in seiner Weise kurz vorher formuliert hat. Er sagt aber weder „Hilf MIR“ noch „LÖSCHE den Unglauben AUS“ sondern: „HILF meinem Unglauben“, so als wäre es etwas Lebendiges, was gewürdigt werden müsse, oder etwas, was sich mit geleisteter Hilfe verändern bzw. transformier kann. Im NLP gilt das Axiom, daß hinter jeglichem Verhalten eine positive Absicht zu finden ist. Somit speist sich auch ein limitierender, im Klienten „aktiver“ Glaubenssatz aus einer positiven Absicht, und er kann dann leicht transformiert werden, wenn die positive Absicht gewürdigt wird. Für mich ist ein auf diesem Glaubenssatz aufbauendes Menschenbild spirituell.


5. Sich Hilfe holen

In einer anderen Situation baten die Jünger Jesus, ihnen das Beten beizubringen. Offenbar hatten sie ein stimmiges Glaubenssystem, verfügten aber nicht über diese gewünschte Fähigkeit der Ansprache oder Zwiesprache mit Gott. Jesus lehrte sie das „Vater unser“ und sagte ihnen in diesem Zusammenhang:

LUKAS,11:09

Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werden ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Für mich ist das eine der schönsten Textstellem im Neuen Testament. Jesus erklärt in dieser Orientierung für die innere Ansprache oder Zwiesprache, daß es immer Hilfe gibt! Im modernen NLP-Kontext könnte man das so verstehen: wenn die eigene Landkarte absolut keine Lösungen mehr für ein Problem enthält, weil sie zu undifferenziert ist, dann hilft diese „universale“ Methode zur Bewältigung des Problems doch weiter.

„Suchet“ den richtigen Ansprechpartner und die richtige Ansprache, denn dann „werdet ihr finden“. Dazu ein kleiner Auschnitt aus einer NLP-Therapie (die ich teilweise schon an anderer Stelle publiziert habe (Fußnote 9)):

Zu mir kam ein Mann Ende 40, krebskrank. Die Ärzte sagten ihm, daß sie nichts mehr für ihn tun könnten. Er war engagierter Lehrer und in seiner Freizeit mit großem Spaß professioneller Musiker, der mit einer Sängerin gemeinsam erfolgreich Platten produziert hatte. Im Verlauf der Therapie, sozusagen in einer Art großangelegtem Reframing ist sein Krebs sein von ihm akzeptierter Lebensberater geworden, mit dem er eine Art Zwiegespräch führen konnte. Die Krankheit hatte er in Form einer Krake visualisiert. Er suchte Anworten auf die Frage, wie er sein Leben jetzt sinnvoll weiterführen könne, wie er mit seinen Lebensproblemen konstruktiv umgehen könne. Er „suchte und fand“ die Krake als Ansprechpartner. Er „bat“ um Antworten, und die Krake „gab“ ihm konkrete Ratschläge und Hilfestellung. In dem inneren Zwiegespräch sagte die Krake ihm: um seinen Stress zu reduzieren und wieder mehr Freude am Leben zu finden, müsse er wieder Musik machen.

Klient: Ja, das ist eigentlich mein Wunsch, aber es geht nicht, ich bin mit der Sängerin tödlich zerstritten.

Krake: Er soll sich mit der Sängerin versöhnen.

Klient: Ja, das wäre schön, wir haben uns schon einmal nach einem heftigen Streit wieder versöhnt, aber diesmal geht es eben nicht.

Ich bat ihn, herauszufinden, was genau sein Einwand sei.

Klient: Ich weiß nicht, wie ich den Kontakt wieder herstellen soll.

Krake: Er soll sie anrufen.

Klient: Ja, aber ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll am Telefon.

Krake: Er soll ihr vorschlagen, in einem Lieblingslokal von ihr ein Versöhnungsessen zu machen.

Klient: Ja, ist vorstellbar, haben wir auch schon mal nach einem anderen Streit gemacht. Aber welches Lokal?

Und die Krake nannte ihm auch das Lokal, sodaß der Klient im Rahmen seiner Fähigkeiten schließlich die Schritte zum Ziel der Versöhnung gehen konnte und in der folgenden Sitzung auch von den neuen gemeinsamen Musikprojekten erzählte.

6. Sein Leben auf das Spirituelle ausrichten

In einer anderen Situation beschreibt Jesus einen fundamentalen Wert für Wachstum und Entwicklung, Problemlösungen und Veränderungen.

LUKAS, 9:24

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s erhalten! Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, ob er die ganze Welt gewönne und verlöre doch sich selbst oder nähme Schaden an sich selbst?

Auch diese Textstelle klingt ein wenig paradox. Aus NLP-Sicht muß man sie nicht so deuten, daß erst der Verlust des körperlichen Lebens im „Auftrag des Herrn“ zu ewigen Leben im Jenseits führe. Ähnlich wie in anderen modernen Psychotherapien gehört auch im NLP die Analyse des Bedeutungskontextes einer angestrebten Veränderung zu den grundlegenden Vorgehensweisen. Dazu eine kurze Skizze einer psychotherapeutischen Intervention:

Vor nicht allzulanger Zeit hatte ich die Gelegenheit, mit einem Mann Ende 30 zu arbeiten. Sein Problem: Genitalherpes, der gerade dann immer auftrat, wenn er es überhaupt nicht gebrauchen konnte, wie er betonte. Er schilderte mir seine Symptomatik sehr wach, prägnant und klar. Da er auch glaubte, daß diese Symptomatik einen „tieferen“ Sinn habe, den er aber nicht kannte, bot ich ihm den ersten Teil des Core Transformation Process. So fragte er in einem inneren Zwiegespräch den „die Symptomatik produzierenden Teil“: Auf welche wichtigen Dinge willst Du mich mit Deiner Aktivität aufmerksam machen. Und nachdem er die Antwort auf diese Frage gehört und verstanden hatte, die nächste Frage: Angenommen, ich hätte das, was Du willst, schon voll und ganz verwirklicht, auf welche guten Dinge darüber hinaus willst Du mich aufmerksam machen. Mit dieser Fragestrategie ergab sich folgende Kette von aufeinander aufbauenden Antworten:

1. Verhalte dich wahrhaftig, sei wirklich ehrlich zu Deinem Sexpartner und Dir selbst;

2. Schütze dich physisch, Du lebst im Zeitalter von Aids;

3. Sei ganz präsent, achte auch auf die scheinbaren „Nebensächlichkeiten“,

nimm alles wahr und würdige es;

4. Liebe das Ganze, erlebe Deine Liebe zu allen Menschen;

5. Erlebe dich als Licht, unbhängig vom köperlichen Leben und Sterben.

Der Klient war zutiefst berührt. Wir sprachen kurz darüber, daß in der Bibel steht, daß Jesus gesagt hat: Ich bin das Licht und das Leben. Der Klient sagte, die 5. Antwort enthalte seinen tiefsten und wichtigsten Wunsch, er habe aber bisher nicht gewußt, wie er damit umgehen könne. Ich erklärte ihm die Vorgehensweise wie im Abschnitt 5.

Welches „Leben“ hätte er gewonnen, wenn er lediglich das Symptom losgeworden wäre? Welchen Nutzen hätte das gehabt? Welches Leben kann oder könnte er jetzt gestalten, nachdem er den Bedeutungskontext verstanden hat und Möglichkeiten finden kann, sein Leben auf seinen wichtigsten Wunsch auszurichten.


7. Sich der „wahren“ Wirklichkeit versichern

Jesus sprach wiederholt davon, daß alle Menschen Kinder Gottes sind und daß sie nach Gottes Reich streben sollen. Eine der Chrakterisierungen des Reiches Gottes gibt er in einer Diskussion mit den Pharisäern:

LUKAS,17:20

Da er aber gefragt ward von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes? anwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es mit Augen sehen kann; /man wird auch nicht sagen: Siehe, hier! oder: da! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch!

Es gibt eine Reihe von Bibelstellen, die in ähnlich etwas paradoxer Weise das Reich Gottes beschreiben. Das Reich Gottes existiert also schon auf Erden, gleichwohl kann man es nicht in gewohnter Weise mit seinen fünf Sinnen wahrnehmen. Man muß also wohl etwas tun, um es wahrnehmen zu können.

Zu den grundlegenden Arbeits-Konzepten des NLP gehören
(a) die Struktur der subjektiven Erfahrung der Welt und
(b) der innere Zustand, in dem man die Ereignisse in dieser Welt erlebt.

Damit könnte man die Aussage über das Reich Gottes in einer Weise interpretieren, die die kleine Skizze einer NLP-Therapie illustriert:

Zu mir kam ein Mann, Ende 20 und schilderte mir seine Probleme; er tat das sehr konzentriert, prägnant und knapp. 1) als Erzieher für schwererziebare Jugendliche fühlt er sich ausgebrannt, leer und glaubt den Beruf nicht mehr ausüben zu können. 2) er hatte seit vielen Jahren gekifft und damit den stressigen Berufsalltag kompensiert. Jetzt aber möchte er damit aufhören, was ihm fast unmöglich erscheint. 3) er ist mit einer Frau zusammen, und fragt sich seit Jahren, ob das wirklich die richtige ist. 4) er hat mit ihr zwei kleine Kinder, eines ist gerade ein halbe Jahr alt und das stresst ihn sehr 5) diese Familie aus vier Personen lebt in Berlin-Kreuzberg in 1 1/2 Zimmern.

Als wesentliche Hilfestellung bot ich ihm den Alignment Process an und fragte, ob er das Gefühl oder den Zustand kennt, ganz er selbst zu sein, ohne Ein-schränkung. Ja, er verkaufe er hin und wieder Blumen am Ku-Damm in Berlin; und an einem kalten und regnerischen Novemberabend im Lärm und Gestank des Verkehrs habe er für einen Augenblick dieses Gefühl gehabt. Mit NLP-Methoden explorierte er retrospektiv die Situation und machte sich die folgenden Erlebensaspekte ganz bewußt und intensiv zugänglich.

UMGEBUNG: Eine belebte Straße, kalt, regnerisch, der Lärm der Autos, viele Lichter

VERHALTEN: gerade über die Straße zu gehen, beinahe tanzend, sehr leicht, dabei die Autos im pheripheren Blickfeld, fast mehr hörend als sehend

FÄHIGKEITEN: der Körper geht wie von allein, „es geht“ mühelos und leicht, wie „im Fluß“ zu sein und irgendwie alles wahrzunehmen

GLAUBENSSATZ: (in diesem Augenblick) zutiefst davon überzeugt sein, daß eigentlich alles vorhanden ist, was zum Leben notwendig ist

IDENTITÄT: „Ich bin wie Hans im Glück!“

SPIR. KONTEXT: die Natur und das sich immer wieder erneuernde Leben auf diesem Planeten

Diese nachträgliche Entdeckung, an diesem ungemütlichen Novembernachmittag sich wie Hans im Glück zu fühlen, weil eigentlich alles vorhanden ist, was er für sein Leben braucht, ließ seine Augen ganz von innen her leuchten. Und auch die zweite Entdeckung, daß er die Fähigkeit besaß, willentlich immer wieder in diesen Erlebenszustand „hineingehen“ zu können, erlebte er voller Dankbarkeit. Ich stelle mir gerne vor, daß in diesem ressourcevollen Zustand eine Ahnung von dem „Reich Gottes“ erlebbar ist, auch wenn man es mit den fünf Sinnen in gewohnter Weise nicht sehen kann, weil man gewohnheitsmäßig meist in einem anderen Erlebenszustand ist.

 


 

8. Schluß

Als Jesus gefragt wurde, welche das vornehmste Gebot sei, gab er zur Anwort:

MARKUS,12:30

Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüte und von allen deinen Kräften.

Wie Robert Dilts (Fußnote 10) herausgearbeitet hat, kann man dieses Gebot als eine Art Anleitung zu einem Alignment Process verstehen, wenn man die folgenden Zuordnungen macht:

  • Liebe Gott = sich ausrichten auf das höchste spirituelle Ziel,
  • mit ganzen Herzen = Glaubenssätze und Werte ausrichten,
  • von ganzer Seele = Identität (wer man wirklich ist) ausrichten,
  • mit ganzem Gemüt (Verstand) = Fähigkeiten, kognitive Strategien ausrichten,

mit allen deinen Kräften = Verhalten ausrichten.

Ich stelle mir gern vor, daß Jesus immer in diesem Erlebenzustand gewesen ist und deshalb auch sagen konnte: Ich bin das Licht und das Leben. Ich glaube, wenn man den NLP Alignment Process macht, kann man eine Ahnung davon bekommen. Und die Erfahrung machen, daß in diesem Zustand die doppelte Aufforderung des anderen Gebots einem wie selbstverständlich lebbar vorkommt:

MARKUS,12:31

Das andre ist dies: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!


9. Anmerkungen:

(1) Zitiert nach: Die Bibel, revidierter Text 1964

(2) Stellvertretend seien hier genannt:

  • Deidenbach, Hans: Zur Psychologie der Bergpredigt; Fischer TB 1993
  • Drewermann, Eugen: Das Matthäusevangelium; Walter Verlag, 1994

(3) Im Hinblick auf die folgenden Überlegungen ist es nicht entscheidend, ob er Gottes Sohn war oder nicht. Denn war er ihm christlichen Sinn Gottes Sohn, so hat er doch in einem menschlichen Körper gelebt, wahrgenommen, gefühlt, gedacht und gehandelt. Insofern wirkte er durch die „Neurologie“, wie es im NLP genannt wird, und dieser Aspekt läßt sich mit NLP-Methoden beschreiben. War er aber einfach nur ein außergewöhnlicher Mensch, dann gilt erst recht, daß das „Modeling“, wie es im NLP genannt wird, angewen- det werden kann.

(4) Ungeachtet der vielen Auseinandersetzungen über die historische Wahrheit der Bibel (vergl. z.B. die Titelstory von Time-Magazin, 25/1995, oder Ranke-Heinemann, Uta: Nein und Amen – Anleitung zum Glaubenszweifel; Knaur TB 1994) werden hier die Zitate als wörtliche Beschreibungen der Ereignisse aufgefaßt, so als hätten sie sich als im Kern robust gegenüber den vielfältigen Verzerrungen in der oralen und schriftlichen Tradition erwiesen.

(5) Das Modell ist kurz und prägnant beschrieben in den Seminarpapieren zum Master-Practitioner Training von NLP Comprehensive, USA; und sehr breit beschrieben in: Andreas/Andreas : Core Transformation, Real People Press 1994

(6) Das Modell ist beschrieben in: Dilts, Robert „Die Veränderung von Glaubenssyste-men“, Junfermann 1993

(7) Vielleicht kann man sagen, daß er sehr, sehr lange von den Ericksonianern die Aufassung in die Praxis umgesetzt hat, daß alle Menschen verschieden sind und deshalb unterschiedlicher Hilfe bedürfen.

(8) vergl. handout zum NLP Health Certification Training 1993, Berlin

(9) Wolfgang Lenk: „Krebserkrankungen“ in: Revenstorf, D. (Hrsg.) „Klinische Hypnose, Springer Verlag 1993

(10) Dilts, R: The Cognitive Pattern of Jesus of Nazareth; Dynamic Learning Publication, 1992. Ich verdanke der Arbeit und dem Wirken von Robert Dilts sehr viele Impulse, nicht nur für diese Abhandlung.


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