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Der Ur-Credo-Prozess im NLP

Der Ur-Credo-Prozeß im NLP

Wolfgang Bernard


Die bei ihrem erstmaligen Auftreten mit einem Link gekennzeichneten Begriffe werden am Ende des Artikels zusammenfassend erläutert: Schlüsselbegriffe.


1. Die Grund-Idee

Jenseits unserer Masken, unserer Gewohnheiten und unseres psychischen Funktionierens befindet sich ein ganz natürlicher Zustand: unsere eigentliche, namenlose Natur. Wenn wir uns dem eigenen Ursprung nähern wollen, sind wir dazu aufgerufen, das, was wir als unser “Ich” bezeichnen, in Frage zu stellen.

Im Rahmen des NLP verfolgt die Beschäftigung mit und die Arbeit an unseren Glaubenssystemen mehrere Ziele: Sie hilft dabei, sich selbst besser kennenzulernen, psychotherapeutische Arbeit effizienter zu gestalten und das Leben angenehmer zu machen. Jetzt bietet NLP auch die Möglichkeit an, die Grundüberzeugung in Frage zu stellen, aus der alle anderen Überzeugungen und Glaubenssysteme entstehen und welche ich Ur-Credo nenne. Sie ist das Geflecht all der Strukturen, aus denen unsere sogenannte Identität gewebt ist. Der Aufbau einer Identität ist unabdingbar, damit wir erwachsen werden und die Gesetze der Gesellschaft erlernen können. Aber während sich unsere Identität formt, entfremden wir uns von unserem tiefinneren Sein, von unserer eigentlichen Natur.

Auf dem “Markt” der Persönlichkeits- und der spirituellen Entwicklung kann man heutzutage viele “Macht-mich-glücklich”-Techniken finden. NLP unterscheidet sich von den meisten in diesem Punkt: Wer die NLP-Techniken meistern lernt, bekommt nicht nur das Handwerkszeug, um ein erfülltes Leben zu führen, sein geistiges und psychisches Gleichgewicht zu finden und seine Ziele zu erreichen. Er erlernt gleichzeitig viele der mentalen Vorgehensweisen, die er unbedingt für eine Konfrontation mit den tiefsten Tiefen seiner Persönlichkeit, das heißt mit dem Ur-Credo , braucht.

Der Ur-Credo-Prozeß wird im Rahmen einer Seminargruppe durchgeführt. Nach einigen vorbereitenden Übungen assoziiert sich jeder der Teilnehmer mit einem negativen Erlebnis aus seiner Vergangenheit oder mit einer negativen Überzeugung, die er von sich selbst hat. Dann stellt er die Frage: “Auf was in mir wirft mich das zurück?” Diese Frage hat er “richtig” beantwortet, wenn die Antwort ein noch unangenehmeres Gefühl als das vorherige hervorruft. Hat sich dieses Gefühl dann stabilisiert, wird wieder dieselbe Frage gestellt.

Nach und nach steigt so jeder stufenweise im eigenen Rhythmus in seine ureigene Hölle ab, immer unangenehmeren Gefühlen und Zuständen entgegen. Dadurch, daß jede/r der Teilnehmer/innen die vorher eingeübten NLP-Techniken zur mentalen Kontrolle beherrscht, können sie diese Höllenfahrt jederzeit unterbrechen, sich ausruhen, neue Ressourcen mobilisieren und das innere Gleichgewicht wiederfinden. Ökologische Aspekte sind bei der Anwendung von NLP-Techniken durchweg unabdingbar; bei der Arbeit am Ur-Credo kann man ohne sie nicht ans Ziel, das heißt ans Ende des Prozesses gelangen. Für die meisten Teilnehmer/innen ist es das erste Mal, daß sie sich absichtlich negativen Gefühlen ausliefern, statt sie zu vermeiden. Die Übung wird so lange fortgesetzt, bis die Strukturen der Identität vorübergehend in sich zusammenbrechen und einen Einblick in das vermitteln, was ich vorsinnliche Wahrnehmung nenne.


2. Hier der Erfahrungsbericht eines Teilnehmers:

Mein Interesse am NLP hat es mit sich gebracht, daß ich mich für dieses NLP-Zusatzseminar, das “Der Ur-Credo-Prozeß” heißt, auf Empfehlung von Bekannten einschrieb. Sie waren bereits durch diesen Prozeß gegangen, der uns über unsere Glaubenssysteme hinaus bis an die Wurzeln unserer Identität führen sollte. Mehr als nur ein neues Wissen, mehr als nur eine neue Enthüllung, berichteten sie von einer unglaublichen Art und Weise des Sicherlebens, in dem sie sich gleichwohl sehr gut wiedererkennen konnten.

So fand ich mich dann als Teilnehmer an diesem Seminar wieder, bei dem es um mein “Ich” ging. Und insbesondere um das Ur-Credo, das ursprünglichste aller Glaubenssysteme, das sich in jedem menschlichen Wesen während der frühen Kindheit entwickelt. Es ist unabdingbare Voraussetzung für das Entstehen von Individualität, von Egobewußtsein, und wird zum harten Kern der trennenden Identität.

Es schien zunächst nur um eine Erforschung meiner Persönlichkeitsstrukturen zu gehen. Daraus wurde jedoch ein “Abstieg in die Hölle”, der es mir ermöglichte, für immer verschüttet geglaubte Gedanken und Gefühle zu entdecken. Die während der NLP-Ausbildung erlernten mentalen Unterscheidungs- und Entschlüsselungsfähigkeiten kamen mir dabei sehr zu Hilfe. Ich kam in Kontakt mit emotionellen Kräften, die ich als neu und nie dagewesen erlebte; Pausen zum Auftanken und zum Ökologiecheck wurden schnell unabdingbar. Eine Art vierdimensionales Körperbewußtsein stellte sich ein, begleitet von einer erstaunlichen Tiefe der inneren Zustände sowie von einer Metabetrachtung, die es mit sich brachte, daß ich das Erlebte von einer immer feiner werdenden mentalen Dissoziation aus betrachtete. Und all dies erzeugte paradoxerweise in mir eine “heilige Wut”, doch bitte verstehen zu wollen, was hier eigentlich passiert. Als es bis an die Grenzen der emotionalen Belastbarkeit ging, schien mein Intellekt Schaden zu nehmen. Eine Art Kurzschluß im vernunftbestimmten Bereich meines Seins ließ zunächst Widerstände gegen das Fortführen der Übung in mir aufkommen, die dann zu regelrechten inneren Aufständen wurden. Der Eindruck entstand, daß die Grundlagen meiner Intelligenz, der inneren Logik meines Erlebens, die perfekt auf den Ablauf meines Lebens abgestimmten Erklärungen den Bach runtergingen.

Dann, nach zwei Tagen und einer Nacht, in der ich kaum geschlafen hatte, erreichte ich diesen “Wahrnehmungszustand, den der Leiter als “vorsinnliche Wahrnehmung bezeichnet. Ich war einfach nur da, auf einer kleinen Matratze sitzend, und staunte… über die Qualität meiner Wahrnehmung. Eigentlich unmöglich, es zu beschreiben: eine nicht ausmachbare Bewußtheit des Bewußtseins. Bewußtsein, außerhalb von Gedanken zu existieren.

Jedenfalls keine Gedanken mehr, kein innerer Dialog mehr, kein Nachdenken, kein Schlüsseziehen mehr, kein Auffüllen des Bewußtseins mit Worten. Und dies war ganz selbstverständlich und natürlich. Außer wenn ich denken wollte; dann erschienen Gedanken, aber sie waren reduziert auf ihre Funktion inneren Theoretisierens. Keinesfalls waren sie ein Erleben der Realität.

Es wurde sonnenklar: es gibt kein Erleben im Bereich der Gedanken. Nur die Idee des Erlebens. Der Durchbruch zu einem nichtintellektuellen Verstehen: Das “Lesen” dessen, was um uns und in uns passiert, findet in jedem Augenblick “life” statt, und zeitlich gesehen vor allem Lernen und vor der Anwendung von Gelerntem.

Die Identifikation mit einem Teil von mir, mit einer einzigen Funktion meines Seins, dem Denken also, erschien mir verrückt. Und gleichzeitig belanglos.

Ich verstand, worum es bei dieser besonderen Anwendung von NLP ging: um eine andere Dimension als die der persönlichen Bequemlichkeit. Eine Freiheit zu erleben, die sich jenseits von Glücklichsein befindet. Zu einem Seinszustand zu gelangen, der sich hinter den Identitätsstrukturen befindet. Oder zumindest die Mechanismen ans Tageslicht zu befördern, welche mein Ego, meine Identität aufrechterhalten, all das also, was es mir unmöglich macht, die “alles verbindende Struktur wahrzunehmen, von der Gregory Bateson, einer der Vorreiter von NLP, spricht. “Betrachten wir NLP aus der Perspektive der vorsinnlichen Wahrnehmung, so bietet es ideale Techniken, um die Mikrostrukturen dieses Syndroms zu erforschen, welches uns den anderen als von uns getrennt sehen läßt, und welches uns daran hindert, das Leben und alles Existierende als einen lebenden, beseelten Prozeß wahrzunehmen, in dem alles mit allem verbunden ist. (aus: Wolfgang BERNARD, In sich hinausgehen – Mit NLP zum Ur-Credo)

“Die Landkarte ist nicht die Landschaft; Begriffe sind nicht das, worüber wir sprechen. Hinter diesen einfachen Worten von Alfred Korzybski, Begründer der “General Semantics und ein weiterer Vorläufer von NLP, versteckt sich eine lebbare Evidenz, die sich unmittelbar auf das Nichtnennbare, auf das Nichtgetrenntsein bezieht. Wir “lesen die Geschehnisse des Moments mit unseren Sinnen, die weit davon entfernt sind, all das wahrzunehmen, was existiert, und die noch weniger dazu imstande sind, das wahrzunehmen, was nicht existiert. Unsere fünf Sinne – ebenso wie unsere Meinungen, unsere Urteile und unsere Überzeugungen – sind Wahrnehmungsfilter und erschaffen Vorwegannahmen und Vorurteile. Gleichzeitig glauben wir felsenfest, daß wir den anderen und die Umwelt so wahrnehmen, wie sie wirklich sind, nämlich so, als ob wir sie ungefiltert wahrnähmen. Diese von Grund auf irrige Vorannahme führt automatisch zu “Lesefehlern” und verhüllt uns vor allem eine “unerträgliche Wahrheit: Die Landschaft (die eigentliche Natur der Dinge und der Menschen) bleibt für immer unfaßbar. Unerträglich und unzugebbar, solange wir nicht die Grenzen unserer Identität gesprengt haben. Nur der existentielle Zugang (die Dimension jenseits von Repräsentationen, jenseits von Glaubenssystemen und frei von jeglicher Be-ur-teilung, d.h. ohne jegliche Filterung) zum Unnennbaren, zum Nichtverstehbaren, kann uns das Mysterium des Lebens enthüllen. Dies ist es, was Freiheit bedeutet, aber hier im Sinne von Befreiung von sich selbst: es akzeptieren, sich aufzugeben (im eigentlichen Sinne und nicht emotionell), alles loszulassen. Angefangen mit allem Wissen, allem Angehäuften, allen Repräsentationen. Vom Wissen – das nur allzuoft rein enzyklopädisch ist – überzugehen zum Hier und Jetzt, das sich voll bewußt in jedem Moment lebt. Das Erleben einer zweiten Geburt, der des “essentiellen Wertes” (*): der staunende und ungläubige Erforscher des unaufhörlichen Lebensspiels zu werden: des Lebens, wie es ist. Und nicht des Lebens, wie ich es gerne hätte.

Die Dimension der vorsinnlichen Wahrnehmung wird für den, der die Freiheit sucht, eine exemplarische Validierung dessen, was er schon seit jeher ahnte.


3. NLP-Techniken im Ur-Credo-Prozeß

Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Streben nach Glücklichsein und der Suche nach Sinn. Die meisten Menschen, die sich existentielle Fragen stellen, tun dies, weil sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlen. NLP bietet eine Menge praktisch-therapeutischer Möglichkeiten an, die Ordnung ins persönliche Leben bringen und geht noch darüber hinaus, indem es dem einzelnen eine hohe psychologische Lebensqualität ermöglicht. Was mich anbetrifft, so hatte ich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr ein großes Verlangen danach, in die Mysterien des Lebens und des Todes einzudringen. NLP hatte mich dieser Suche ein großes Stück näher gebracht, weil es dazu beigetragen hatte, Ordnung in mein psychisches leben zu bringen, was es mir in der Folge ermöglichte, die Strukturen zu erforschen, die mir die Wahrnehmung der Seinsgeheimnisse unmöglich machten. Die Art und Weise, wie ich heute NLP lehre, trägt meinem eigenen Erleben Rechnung. Deshalb biete ich Ausbildungen an, in denen die Teilnehmer die Mechanismen erforschen können, die die alles vereinende Wahrnehmung verhindern, die ich “vorsinnliche Wahrnehmung nenne. Wir können nichts dafür tun, daß sie sich wieder einstellt, aber eine NLP-Ausbildung in der Perspektive der vorsinnlichen Wahrnehmung kann dazu beitragen, daß wir uns der Strukturen bewußt werden, die den Kern unserer Identität ausmachen und die ich zusammenfassend “Ur-Credo getauft habe. Es ist die Basis allen emotionalen und mentalen Erlebens.

Sich auf die Suche nach verschütteten Glaubenssystemen zu begeben ist Teil jeder NLP-Ausbildung. Wir finden dabei heraus, daß unser Leben von einer Vielzahl unbewußter Überzeugungen quasi ferngesteuert wird. Als ich die meisten von ihnen ausgegraben hatte, bin ich mir nach und nach bewußt geworden, daß sich hinter all diesen versteckten Glaubenssystemen noch ein weiteres Glaubenssystem ganz anderer Qualität befindet, welches dazu da ist, das, was wir unsere Identität nennen, aufrecht zu erhalten: das Ur-Credo. Es war eine regelrechte Detektivarbeit, wobei zu bemerken ist, daß das Ur-Credo alles daran setzt, unentdeckt zu bleiben. NLP-Methoden waren mir bei diesem Unterfangen von besonderer Hilfe.

Der Zugang zum Ur-Credo ist im Prinzip jedem zugänglich. Nur sollte man wissen, daß das Ausgraben des Ur-Credos ein Unterfangen ist, das man mit einer Expediton in völliges Neuland vergleichen kann. Es erfordert eine noch bessere Vorbereitung, einen noch größeren Einsatz, noch mehr Vorsicht und noch mehr zielgerichtetes Vorgehen als Expeditionen. Das Ziel ist unsere ureigenste innere Natur.

Sich auf den Weg zu seinem Ur-Credo zu machen erfordert insbesondere eine gewissenhafte mentale Vorbereitung, da wir den Sinn in Frage stellen, den wir bis dahin unserem Leben gegeben haben. Eine NLP-Ausbildung kommt diesen Anforderungen fast in allen Punkten nach, außer einer, der wichtigsten: die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wenn wir die Fundamente unserer Identität offenlegen, erlauben wir uns gleichzeitig, uns einem unbeschreiblichen Schmerz auszuliefern. Die Intensität dieses Schmerzes geht über alle körperlichen und seelischen Schmerzen hinaus, die wir je in unserem Leben erfahren haben. Es kann sein, daß wir an einen Punkt kommen, an dem wir zugeben müssen, daß wir unserer ganzes Leben dahingehend eingerichtet haben, diesen alles durchtrennenden Schmerz nie mehr wieder zu fühlen; diesen Schmerz, den wir schon einmal in unserer Kindheit erlitten haben, und der es uns erst ermöglicht hat, uns eine (trennende) Identität zu schaffen. Nur eine immense Ehrlichkeit uns selbst gegenüber erlaubt es uns, immer weiter in den Abgrund einzudringen, der sich während dieses Unterfangens vor uns auftut. Folgende aus dem NLP-Repertoire stammenden Techniken zur mentalen Kontrolle haben sich als besonders hilfreich erwiesen:

  • – “So tun als ob’”: eine Art mentale Gymnastik, die es ermöglicht, einen Gedankenablauf oder einen inneren Zustand augenblicklich zu unterbrechen und durch einen anderen zu ersetzen;
  • – ‘sich assoziieren’ und ‘sich dissoziieren’: mentale Vorgehensweisen, die uns die Wahl erlauben, entweder im Geschehen zu sein (assoziiert), oder die Rolle eines Beobachters einzunehmen (dissoziiert);
  • – sich jederzeit augenblicklich mit angenehmen inneren Zuständen assoziieren und von unangenehmen inneren Zuständen dissoziieren können;
  • – innere Zustände (angenehme und unangenehme) voneinander abschotten, um willentlich vom einen zum anderen überwechseln zu können;
  • – innere Vorgänge handhaben, ohne sich Schaden zuzufügen, das heißt: mit der eigenen Psyche ökologisch umgehen;
  • – in der Lage sein, mit den verschiedensten Unannehmlichkeiten und mit heftigen Widerständen in sich selbst umzugehen, was insbesondere bei der Konfrontation mit negativen unbewußten Überzeugungen eine Rolle spielt. Dabei ist es besonders wichtig, jederzeit einen wenn nicht angenehmen, so doch neutralen inneren Zustand herstellen zu können;
  • – in der Lage sein, den schrittweise ablaufenden Prozeß des In-Frage-Stellens seiner selbst autonom zu handhaben und eigenverantwortlich zu handeln. Die Gruppenmitglieder, die am Ausgraben ihres jeweiligen Ur-Credos gemeinsam arbeiten, helfen und begleiten sich gegenseitig, aber jeder einzelne bestimmt für sich selbst, wie weit er dabei gehen will;
  • – seinen essentiellen Wert erkennen.

4. Nachbereitung

Das Ur-Credo im Rahmen eines Seminars aufgespürt zu haben ist ein guter Anfang. Danach gilt es, im täglichen Leben ganz besonders wachsam in bezug auf all seine Erscheinungsformen zu sein. Solange wir nicht dauerhaft in der vorsinnlichen Wahrnehmung leben, wirkt das Ur-Credo ständig unter der Oberfläche weiter. Wenn wir handeln oder denken, so tun wir das immer mit der Idee im Hintergrund, daß wir mit einer Identität ausgestattet sind, deren Wahrnehmung sich dadurch auszeichnet, daß sie alles in Du-Ich- oder in Ich-Umwelt-Kategorien einordnet. Das Ur-Credo ist wie ein Filter, der sich zwischen die vorsinnliche und die sinnliche Wahrnehmung schiebt. Gehen wir einmal davon aus, daß die sinnliche Wahrnehmung, die ja immer einen Unterschied macht zwischen dem Wahrnehmer und dem Wahrgenommenen, nicht die einzig mögliche ist. Wenn ich mich also aufmache, eine Wahrnehmungsweise zu finden, die diese Trennung nicht mehr in sich trägt, muß ich zunächst einmal erforschen, wie ich diese Trennung in mir schaffe. Dazu ist es notwendig, daß ich mich so oft wie möglich unter die Lupe nehme, und ganz besonders in schwierigen emotionalen sowie in Konfliktsituationen: Wie reagiere ich, wenn ich feststelle, daß ich betrogen worden bin? Wenn ich von jemandem angegriffen werde? Wenn die Dinge gar nicht so laufen wollen, wie ich es mir vorstelle? Wenn ein naher Verwandter gestorben ist oder schwer erkrankt ist? Wenn ich herausfinde, daß mein Lebenspartner mich seit drei Jahren betrügt? Welches sind die Ängste, die ich verdränge, damit ich mich nicht mit ihnen zu konfrontieren brauche? Die Beobachtung solcher emotionaler Reaktionen bringt das dauernde, unter der Oberfläche schwelende Unwohlsein nach und nach zum Vorschein: das Unwohlsein des Ur-Credos, aus dem alle anderen “Unwohlseine” entstehen. Sich seines Ur-Credos bewußt werden zu wollen bedeutet: es ohne Selbstmitleid aufzudecken, anstatt es immer wieder zu verdrängen.


5. Zusammenfassung

Diese Art der Arbeit an sich selbst hat nur Sinn, wenn sie in die Suche nach dem Lebenssinn eingebettet ist. Das Streben nach Glück befindet sich nicht auf derselben logischen Ebene wie die Suche nach dem Absoluten; dem Glück nachzulaufen ist eine der Eigenschaften der Identität auf der Suche … das Unwohlsein zu vermeiden. Sich mit dem Ur-Credo zu konfrontieren bedeutet nicht, sich mit einem temporären Mißgeschick auseinanderzusetzen. Es handelt sich um die Begegnung mit dem “Un-glück” der Trennung. Solange wir nach Glück streben, werden wir immer wieder von Gut nach Schlecht, von Angenehm nach Unangenehm und wieder zurück geworfen. Durch das Vermeidenwollen des einen und das Verlangen nach dem anderen vergeht uns die Aufmerksamkeit für die Fülle und den Reichtum jedes Augenblicks.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, daß die Arbeit am Ur-Credo keinesfalls als therapeutisch einzustufen ist. Es geht nicht darum, die Identität zu reparieren, sondern sie aufzulösen.


6. Schlüsselbegriffe

* Essentieller Wert

Dieser Ausdruck weist auf die jedem von uns innewohnende Einzigartigkeit des persönlichen Seins sowie all seiner Ausdrucksformen hin. Ihn zu entdecken heißt, ein verborgenes, geheimes Heiligtum in sich zu berühren. Er ist nicht zu verwechseln mit Begriffen wie: Moral, Ethik, Tugend, deren Bedeutung je nach Kultur variiert.

* Glaubenssyteme

Glaubenssyteme sind konstituierende Elemente unseres Ich- oder Identitätsbewußtseins. Identität lebt davon, Überzeugungen, Meinungen und Ansichten über jemanden oder etwas zu haben, Personen oder Ereignisse zu beurteilen oder an etwas oder an jemanden zu glauben. (Meist unbewußte) Überzeugungen bestimmen über Erfolg oder Mißerfolg unserer Unternehmungen. Da Grundüberzeugungen unser Ichbewußtsein, und damit den Sinn, den wir unserem Leben geben, aufrechterhalten, sind wir im allgemeinen nicht gewillt, sie in Frage zu stellen.

Gesellschaftlich anerkannte, durch wissenschaftliche Erkenntnisse anscheinend “gesicherte” Postulate sind auch Glaubenssyteme. Sie kranken jedoch meist an dem Irrtum, daß die beobachteten Phänomene für die Wirklichkeit gehalten werden – ohne in Betracht zu ziehen, daß eine Veränderung im Prozeß des Beobachtens die zunächst gezogenen Schlußfolgerungen zunichte machen kann. (Wir glauben seit ein paar hundert Jahren, daß sich die Erde um die Sonne dreht. Aber wer sagt uns, daß nicht eines Tages eine andere Betrachtungsweise des Universums eine wiederum modifizierte Sichtweise, und damit auch wieder ein neues Glaubenssytem hervorbringt?)

* Ökologiecheck

Dieser besteht darin, sich vorab eventueller unerwünschter Nebenwirkungen bewußt zu werden, die durch Verhaltens-und Einstellungsänderungen bei sich selbst oder im eigenen Umfeld auftreten könnten. Die angestrebten Veränderungen werden dann gegebenenfalls modifiziert, bis keine negativen Konsequenzen mehr zu erwarten sind. Diese Vorgehensweise ist ein wichtiger Bestandteil jeder NLP-Ausbildung.

* Trennende Identität

In der frühen Kindheit erschaffenes, mentales Konstrukt, das bewirkt, daß sich der Mensch als vom anderen und von der Umwelt getrennt erlebt. Sie öffnet dem Kind den Zugang zur Fähigkeit der Repräsentation und zu all dem, was für ein Leben in der Gemeinschaft notwendig ist. Für den Erwachsenen hingegen wird sie das Haupthindernis, wenn er sich seiner Ursprünge erinnern will und seine Erfüllung anstrebt.

* Ur-Credo

Das Ur-Credo ist der Grundbaustein unseres (immer auf wackligen Fundamenten gebauten) Ichbewußtseins. Es entwickelt sich in der frühen Kindheit. Aus ihm erwächst das, was wir im allgemeinen als “Psyche” bezeichnen. Sein Vorhandensein ist Voraussetzung für die Fähigkeit zur Repräsentation (z. B. Worte und Zahlen, Zeit und Raum, Kriterien und Überzeugungen, Gedächtnis und Erinnerungsvermögen) sowie für all das, was “soziale Verhaltensstrategien” genannt wird. Im Erwachsenenalter, wenn das Ichbewußtsein seinen Reifezustand erlangt hat, wird das Ur-Credo zum Haupthindernis für eine weitere mögliche, über die trennende Identität hinausgehende Entwicklung.

* Vorsinnliche Wahrnehmung

Es handelt sich um die Wahrnehmung unseres Ursprungs und all dessen, was aus ihm in jedem Moment erwächst. “Vorsinnliche Wahrnehmung” ist ein Ausdruck für das Unausdrückbare: die Dimension der ungefilterten Wahrnehmung, die alle Phänomene, wahrgenommene und nicht-wahrgenommene, existierende und nichtexistierende, vereint. Wir sind mit ihr geboren worden und mußten sie vergessen, um unser Ichbewußtsein, unsere Identität, entwickeln zu können. Durch gezielte Vorgehensweisen können wir den Boden bereiten, diese in Vergessenheit geratene, alles miteinander versöhnende Wahrnehmung in uns wiederzuentdecken.


Literatur:

  • Wolfgang Bernard: In sich hinausgehen – Mit NLP zum Ur-Credo, Verlag VAK, 1996.